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Celle Stadt Liebe, Macht und Intrigen am Celler Hof
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Liebe, Macht und Intrigen am Celler Hof
17:43 12.02.2010
Von Oliver Gatz
Welfen-Geschichte mit persönlichen Schicksalen verknüpft: Museumsleiterin Juliane Schmieglitz-Otten mit einem Porträt der Herzogin Eléonore d’Olbreuse. Quelle: nicht zugewiesen
Celle Stadt

Die spannenden und bewegenden Lebenswege der beiden Welfen-Frauen Eléonore d’Olbreuse und ihrer Tochter Sophie Dorothea stehen im Mittelpunkt einer Ausstellung in der Gotischen Halle des Celler Schlosses. Die Exponate und Schautafeln führen den Ausstellungsbesucher in die Welt barocker Fürstenhöfe und lassen ihn hinter die glanzvolle Fassade auf persönliche Schicksale blicken. Dabei steht die weibliche Perspektive im Vordergrund. Aus tragischen Einzelschicksalen entstehen Spiegelbilder ihrer Zeit.

130 Exponate geben Einblick in Hofleben und Zeremoniell der Epoche. „Es ist uns gelungen, kostbare Leihgaben aus europäischen Adelshäusern und Museen für unsere Ausstellung zu gewinnen“, freut sich Juliane Schmieglitz-Otten, Leiterin des Residenzmuseums im Celler Schloss.

Die Ausstellung ist in sechs Kapitel unterteilt, die sich mit den Lebensphasen der Welfen-Frauen befassen: Herkunft, Aufstieg, Ehe, Mutterschaft, Affären sowie Tod und Nachleben. Dabei werden unterschiedliche Akzente gesetzt. Das Leben Eléonores steht zum Beispiel beim Thema Herkunft im Vordergrund, das von Sophie Dorothea findet im Kapitel Affären Beachtung. „Die Lebensphasen gliedern die Ausstellung“, erläutert Schmieglitz-Otten. „Dabei gehen wir zum Beispiel der Frage nach, was unter dynastischen Gesichtspunkten zu beachten ist.“ Der Blick auf das persönliche Leben werde eingebettet in den historischen Kontext, führt die Museumsleiterin aus. Schautafeln, Porträt-Gemälde, Briefe, Dokumente und Gebrauchsgüter des täglichen Bedarfs wie Kamm oder Welleisen vermitteln einen authentischen Einblick in die Epoche.

Mit den schicksalsträchtigen Lebenswegen von Eléonore d’Olbreuse und Sophie Dorothea will das Residenzmuseum ein breites Publikum ansprechen. „Vielen ist die Geschichte der Welfen nicht bekannt“, sagt Schmieglitz-Otten. Doch mit Begriffen wie der Königsmarck-Affäre könne so mancher etwas anfangen. „Wir greifen auf Geschichten zurück, von denen die Leute schon einmal etwas gehört haben.“

Ein umfangreiches Begleitprogramm zur Ausstellung mit Lesungen, Konzerten, einem Ballett, szenischen Führungen und museumspädagogischen Aktionen bietet vielfältige Möglichkeiten, sich dem Thema zu nähern. Außerdem erscheint eine repräsentative, 260 Seiten umfassende Publikation mit zehn Autorenbeiträgen und 96 farbigen, teils ganzformatigen Abbildungen.

Ausstellung, Publikation und Begleitprogramm werden durch die Förderung im Rahmen des wissenschaftlichen Programms der Stiftung Niedersachsen ermöglicht. Darüber hinaus werden sie unterstützt durch das Ministerium für Wissenschaft und Kultur des Landes Niedersachsen, den Lüneburgischen Landschaftsverband und die Stadt Celle. Für das gesamte Projekt, das rund 270000 Euro kostet, hat NDR Kultur die Kulturpartnerschaft übernommen.

Übrigens: Der Begriff „mächtig“ im Namen der Ausstellung steht für Macht und Einfluss. Das Wort „verlockend“ bezieht sich auf ein zeitgenössisches Ölgemälde, das Herzogin Eléonore d’Olbreuse zeigt, wie sie kokett mit ihren lockigen Haaren spielt.

Zu den herausragenden Exponaten der Ausstellung zählt die Wiege Friedrichs II., des Großen, Enkel der Kurprinzessin Sophie Dorothea. Der schlichte, schmucklose Gegenstand ist im Besitz des Berliner Kunstgewerbemuseums und steht normalerweise als Dauerleihgabe im Schloss Charlottenburg.

Wie sehr das tragische Los Sophie Dorotheas die Nachwelt bewegte, dokumentiert die originale Handschrift Friedrich Schillers mit dem Entwurf eines Dramas über das Schicksal der unglücklich Verbannten. Das Exposé trägt den Titel „Die Prinzessin von Zelle“. Imposant ist auch ein Schriftstück von 1658, das den Verzicht auf Weitergabe der Erbfolge (standesgemäße Heirat) des Herzogs Georg Wilhelm dokumentiert.

Weitere Perlen der Ausstellung sind acht Liebesbriefe, die sich um die Affäre Sophie Dorotheas mit dem schwedischen Grafen Philipp Christoph von Königsmarck drehen. Sie sind eine Leihgabe der schwedischen Universitätsbibliothek in Lund. Zu sehen ist auch ein Umschlag Friedrichs des Großen, der die Briefe seiner Großmutter aufbewahrte.

Zudem vermitteln Alltagsgegenstände wie Kinderrassel, Schuhe aus Leder, eine Garnitur zum Parfümmischen oder Riechdöschen einen Eindruck vom Leben in der Barock-Zeit.

Wer waren die beiden Frauen vom Celler Welfenhof, um die sich die Ausstellung „Mächtig verlockend“ dreht? Welche historische Rolle spielten sie? Die hugenottische Landadelige Eléonore d’Olbreuse erlebte an der Seite ihres Gemahls Georg Wilhelm, Herzog zu Braunschweig und Lüneburg, einen Aufstieg zur Herzogin und verhalf der Celler Residenz zur Blüte. Die „Stammmutter“ mehrerer europäischer Königshäuser brachte im 17. Jahrhundert französischen Esprit nach Celle und beeinflusste dadurch Hof- und Stadtleben.

Das Leben ihrer Tochter Sophie Dorothea nahm hingegen einen fatalen Verlauf. Die auf dem Heiratsmarkt des europäischen Hochadels heiß begehrte Prinzessin wurde aus politischen Gründen mit ihrem hannoverschen Cousin Georg Ludwig verheiratet. Sie widersetzte sich den höfischen Regeln und wurde nach einer Affäre mit dem schwedischen Grafen Philipp Christoph von Königsmarck schuldig geschieden und auf das Schloss Ahlden verbannt. Dort verbrachte sie ihre letzten 31 Lebensjahre.

Sophie Dorothea wäre die erste Königin Großbritanniens aus dem Hause Hannover geworden, denn ihr geschiedener Gemahl bestieg 1714 in Personalunion den englischen Thron. Ihre beiden Kinder, den britischen König Georg II. und die preußische Königin Sophie Dorothea, sah sie nie wieder, ihren Enkel Friedrich den Großen lernte sie nie kennen.

Die Reformierte Kirche in Celle ist heute das letzte erhaltene hugenottische Gotteshaus Nordwestdeutschlands und sichtbares Zeichen für den Einfluss Eléonore d’Olbreuses. Die seit 1686 bestehende Gemeinde wurde von der Celler Herzogin maßgeblich unterstützt. Bereits 1684, früher als andere deutsche Landesfürsten, erließ Georg Wilhelm ein Edikt zur Aufnahme der Reformierten, ein Zeichen religiöser Toleranz. Ihre Ansiedlung, gefördert durch die Herzogin, beeinflusste Wirtschaft und Kultur der Residenzstadt und prägte die Hofkultur entscheidend.

Mit dem Tod Georg Wilhelms 1705 verlor nicht nur die prächtige Residenz ihre Bedeutung. Auch die letzte Celler Herzogin verschwand aus dem öffentlichen Bewusstsein. Sophie Dorothea, die die erste britische Königin aus dem Haus der hannoverschen Welfen gewesen wäre, wird in zahlreichen Romanen als „uncrowned queen“ zum Opfer politischer Ränke oder zum naiven Liebchen stilisiert. Da die historischen Überlieferungen wenig von ihrer eigentlichen Persönlichkeit preisgeben, hat sich an diesem Bild bis heute wenig geändert.

Ausstellungsdauer:

16. Februar bis 15. August

Eintritt: fünf Euro, Gruppen (ab 15 Personen) drei Euro pro Person. Die Familienkarte kostet acht Euro. Freitags ist der Eintritt frei. Freien Eintritt haben auch Kinder bis 14 Jahren und Schüler. Die Eintrittskarte ermöglicht den Zutritt zur gesamten Daueraustellung des Residenzmuseums.

Öffnungszeiten: dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr (Änderungen an Feiertagen vorbehalten)

Führungen: dienstags, mittwochs, donnerstags und freitags um 15.30 Uhr, sonntags um 11.30 Uhr (drei Euro plus Eintritt); sonnabends um 15.30 Uhr Kostümführung; Gruppenführungen auf Anmeldung; Buchung unter Tel. (05141) 12372.

Kontakt:

residenzmuseum@celle.de

www.residenzmuseum.de