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Celle Stadt Lieder gegen Rassismus und Gewalt
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Lieder gegen Rassismus und Gewalt
17:39 21.04.2013
Ein kulturkritischer wie politischer Liedermacher: Im zweiten Teil seines Programms wurde Hans-Eckardt Wenzel (links) vom Gitarristen Thomas Harendt begleitet. Quelle: Peter Bierschwale
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Nun weiß auch das Celler Publikum, warum der Berliner Liedermacher Wenzel mit dem Mainzer Liederpreis 2013 ausgezeichnet worden ist. Bei seinem ersten Auftritt in Celle präsentierte er politische, aber auch sehr zarte und romantische Texte in der CD-Kaserne. Obwohl Wenzel mit einem Solo-Auftritt angekündigt war, ließ er sich im zweiten Teil des Auftritts von dem Gitarristen Thomas Harendt begleiten.

Wenzel, in der DDR aufgewachsen und bekennender „Ossi“, trat im Rahmen der Aktionswochen gegen Rechtsextremismus auf. Diese Zuordnung passte, denn er hat nicht nur sehr kritische Texte über die ostdeutsche Neonazi-Szene verfasst, eigentlich entwerfen all seine Lieder mit ihrer Menschlichkeit oder ihrer Nachdenklichkeit ein Gegenbild zu Rassismus und Gewalt.

Hans-Eckardt Wenzels Chansons bewegen sich nicht nur sprachlich auf hohem Niveau, sie genügen auch musikalisch höheren Ansprüchen. Im ersten Teil des Auftritts kam dies nicht immer voll zur Geltung, als er sich mit dem Synthesizer, der Gitarre und dem Akkordeon begleitete. Am authentischsten wirkte er mit seinem Akkordeon, da erklangen die Harmonien voll und die Lieder tatsächlich wie Chansons.

Schon in seinem ersten Stück „In dieser Nacht hier nur für dich“ erschuf er vor dem geistigen Auge seines Publikums eine sprachlich wie musikalisch anrührende Liebeszene. Aber Wenzel ist auch ein kulturkritischer wie politischer Texter, seine Moderationen waren zuweilen dicht am politischen Kabarett angesiedelt: Als Ossi habe man früher vom Flughafen Berlin-Schönefeld abfliegen müssen, habe aber immer davon geträumt, endlich auch mal von Tegel fliegen zu können. Zukünftig werde man mit dem neuen BER-Flughafen ausgerechnet wieder von Schönefeld fliegen müssen, das sei doch „unglaublich“.

Den Liederpreis 2013 hat Wenzel unter anderem erhalten, weil er Woody Guthries Song „This Land is Your Land“ ins Deutsche übersetzt und auf CD aufgenommen hatte. Als Deutscher hätte man wohl kaum über „sein Land“ Amerika singen können, sagte er. In seiner Übersetzung wurde dann daraus: „Die Erde ist da für dich und mich“ – eine kluge Übersetzung mit Aktualität, gesungen wirkte sie noch überzeugender.

Mit Ironie berichtete er von der „kulturstiftenden“ Wirkung der Neonazis. Immer wenn sie irgendwo auftauchten, werde Geld für Kulturprogramme bewilligt. Unerfreulicher war hingegen, als er von einem Konzert in einer ostdeutschen Schule berichtete, bei dem schon am frühen Morgen drei betrunkene Neonazis in der ersten Reihe Hansa-Rostock-Schals geschwungen hätten. Niemand sei eingeschritten, und er habe das Konzert nach 20 Minuten abgebrochen.

Die große Liebe des Sängers zog sich wie eine rote Linie durch sein Programm: das Meer. Im zweiten Teil des Auftritts sang er, unterstützt von Thomas Harendt an der zweiten Gitarre, eine neue Version seines wunderbaren Liedes über die Heringsdorfer Promenade, auf der selbst „Attentäter in Ferienlaune“ geraten würden. So eine gelungene Kombination aus musikalischem Frohsinn und sprachlich ausgedrückter Lebensfreude, gepaart mit feiner Ironie, findet sich selten.

Von Peter Bierschwale