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Celle Stadt Luther kommunizierte in sprachgewaltiger Weise
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Luther kommunizierte in sprachgewaltiger Weise
14:59 20.10.2017
Die Göttinger Professorin Anja Lobenstein-Reichmann bei ihrem Vortrag „Martin Luther als Sprachereignis“. Quelle: Peter Bierschwale
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Zunächst zeigte sich Horst Pape als Gastgeber und Celler Vertreter der „Gesellschaft für deutsche Sprache“ erfreut über den guten Besuch der Veranstaltung. Er sei immer wieder erstaunt über die „Sprachkraft und Bildhaftigkeit“ der lutherschen Sprache.

Zu Beginn präsentierte die Referentin zwei unterschiedliche Sichtweisen auf die Sprache und die Person Luthers: Für die einen habe er sich „cholerisch-grobianisch“ geäußert, andere hätten ihn dagegen zum „Vater“ der deutschen Sprache erhoben. Drei Mythen gebe es zum Thema „Luther und die deutsche Sprache“, erklärte Lobenstein-Reichmann: Luther habe die deutsche Sprache geschaffen, er habe den Deutschen zur sprachlichen Einheit verholfen und dem „dem Volk aufs Maul geschaut“. Je nach Perspektive sei er dann zum „Sprachgenie“ oder „Grobian“ erklärt worden.

Die These vom „Sprachschöpfer Luther“ sei zumindest irreführend. Natürlich habe es schon vor Luther die deutsche Sprache gegeben. Lobenstein-Reichmann belegte das unter anderem mit einem Text Walthers von der Vogelweide. Es sei schon vor Luther problemlos möglich gewesen, sich über die Regionen hinaus schriftsprachlich zu verständigen. Die Entwicklung der deutschen Sprache habe keine „spezifische Leistung einer Einzelperson“ dargestellt, Luther habe aber in mancherlei Hinsicht als Katalysator gewirkt.

Der Reformator habe nicht auf das Sprachsystem selbst Einfluss genommen, sondern auf den Sprachgebrauch. Der Sprachgebrauch Luthers sei Ausdruck seiner Theologie gewesen, die die „Vermittlerinstanz und Heilsrelevanz“ der katholischen Kirche negiert habe. Dabei habe er sich stets sprachlich an seinen Adressaten orientiert. So habe er seine Texte mal agitativ, mal informativ formuliert. Mit dem verstärkten Gebrauch des Deutschen habe Luther auch kommunikativ seiner Theologie entsprochen, die besagte, dass jeder einzelne Gläubige unmittelbar seinem Gott gegenübertreten konnte: „Luther hat das Deutsche zudem bewusst und öffentlichkeitswirksam zur evangelischen Mission eingesetzt“.

Es sei Luther nicht um die „Banalisierung der Bibeltexte“ gegangen, er habe die Menschen jedoch dort abholen wollen, wo sie zu erreichen waren. Das Attribut „Sprachgenie“ hätte Luther wohl von sich gewiesen, so die Referentin: Doch er habe es verstanden, in „einzigartig sprachgewaltiger Weise zu kommunizieren“.

Von Peter Bierschwale