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Celle Stadt Mehr Nahrung produzieren: Plädoyer für Hightech auf dem Acker
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Mehr Nahrung produzieren: Plädoyer für Hightech auf dem Acker
23:25 10.03.2015
Von Klaus Frieling
Professor Harald von Witzke (Mitte) - mit den Celler Rotary-Präsidenten Susanne Witt und Jürgen Mente. Quelle: Alex Sorokin
Celle Stadt

Auf Einladung der beiden Rotary Clubs Celle und Celle-Schloss referierte Witzke vor rund 450 Besuchern in der Celler Congress Union. Auf ein Honorar hatte der renommierte Wirtschaftswissenschaftler zugunsten einer Finanzspritze für die Hermannsburger Tafel verzichtet. Die beiden Celler Rotary-Präsidenten Susanne Witt und Jürgen Mente bedankten sich bei ihm stattdessen mit einem historischen Buch von Albrecht Thaer – Celles bekanntester Sohn ist ja Namensgeber des Berliner Instituts, an dem Witzke forscht und lehrt.

Die weltweite Nachfrage nach hochwertigen Nahrungsmitteln steigt schneller als das Angebot – seit der Jahrtausendwende sind die Preise agrarischer Rohstoffe daher stark angestiegen, referierte Witzke. Und ein Ende sei nicht in Sicht: Die Nachfrage nach Nahrungsgütern werde sich im Zeitraum vom Jahr 2000 bis 2050 mehr als verdoppeln, verwies der Professor auf Berechnungen aus Bevölkerungswachstum und Einkommensentwicklung in Entwicklungs- und Schwellenländern.

Angesichts einer begrenzten landwirtschaftlich nutzbaren Fläche muss die Produktivität kräftig gesteigert werden. Und da besteht Handlungsbedarf, wie Witzke ausführte: „Seit dem Ende der zweiten grünen Revolution in den 80er-Jahren ist es durch Vernachlässigung des Agrarsektors zu einer Abnahme der Produktionsfortschritte gekommen.“ Eine Entwicklung, die durch die rasch wachsende Konkurrenz von Nicht-Nahrungsgütern verschäft wird – die Ackernutzung zugunsten von Bioenergie, Baumwolle oder Zierpflanzen reduziert die Flächen für Kartoffeln, Getreide und anderes.

Folglich steigen die Preise für Agrargüter – eine gute Nachricht für die Landwirte in Deutschland und der EU. Und wegen fehlenden Zwangs zur Subventionierung auch für die hiesigen Steuerzahler. Im weltweiten Maßstab aber werde die Nahrungsmittelversorgung zum zentralen politischen Problem, blickte Witzke über den europäischen Tellerrand: „Das UN-Ziel, die Zahl mangelernährter Menschen bis 2015 gegenüber dem Stand von 1995 zu halbieren, ist nicht mehr erreichbar.“ Im Gegenteil: Die Zahl der Hungernden nimmt zu. „Das Nahrungsdefizit wird sich im Zeitraum 2000 bis 2030 verfünffachen.“ Die EU sei 2008 selbst zum weltgrößten Nettoimporteur von Agrargütern geworden.

„Mehr Nahrungsmittel sind aber nicht durch die – von einigen Politikern erwünschte – Steigerung des Ökolandbaues erreichbar“, schlug Agrarökonom von Witzke den Bogen zur tagesaktuellen Diskussion: „Zur modernen, hochproduktiven und innovativen Landwirtschaft gibt es keine Alternative.“ Auch der Einsatz von Gentechnik dürfe in der deutschen Landwirtschaft kein Tabu bleiben.