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Celle Stadt Michy Reincke zeigt in Celle klare Kante
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Michy Reincke zeigt in Celle klare Kante
17:53 04.10.2016
Ohne Gitarre geht nichts, Michy Reincke: "Sie haben den falschen" heißt sein neues Album. Am Freitagabend war er genau der Richtige. Quelle: Alex Sorokin
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„Erzähl' mir nicht, dass du nur tust, was man dir sagt“, singt Michy Reincke und ergänzt in der Moderation: „Das ist ein alter dreckiger Song aus den 80ern.“ „Wofür du stehst, habe ich in deinen Augen gesehen“, heißt es ein paar Zeilen weiter. Wen auch immer er damals gemeint hat, die Sätze treffen auf den Künstler, der sich am Freitagabend in der ausverkauften kleinen Halle der CD-Kaserne präsentiert, selbst zu.

Seine 300 Gäste müssen ihm nicht in die Augen schauen, sie hören aus seinen Liedern und seinen durchdachten Zwischenmoderationen, dass da jemand auf der Bühne steht, der sich intensiv auseinandersetzt mit dem, was um ihn herum vorgeht, und klar Stellung bezieht. „Nimmt man den Menschen ihre Kultur, degradiert man sie zu bloßen Konsumenten“, kritisiert er die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, denen es bei der Musikauswahl nur noch um die Durchhörbarkeit ginge.

Immer mal wieder im Radio zu hören ist sein größter Hit „Taxi nach Paris“, bei seinem Live-Auftritt spielt er ihn erst ganz zum Schluss als Zugabe. Seit diesem Erfolg ist viel passiert, Reincke berichtet davon in seinen neuen Balladen. „Unsere Geschichte ist erzählt, die Liebe war hier, wir haben es vermasselt“, heißt es da. Oder „Du brauchst keine Angst zu haben“. „Gier und Geiz sind Synonyme für Angst“, ist er sich sicher. „Menschen ohne Furcht sind großzügig“, nimmt er wahr.

In „Noah“ thematisiert er den Umgang mit Schuld. Für seinen alkoholsüchtigen Vater hat er durchaus Verständnis, aber nicht für die ausgebliebenen Erklärungen und Entschuldigungen im Nachhinein.

Was Reincke erzählt, stimmt nachdenklich, ist witzig oder beides. „Wir sind die Flut“ hat der Hamburger, der mittlerweile etliche Monate des Jahres in Spanien lebt, seine gerade gestartete Herbst-Tour vieldeutig überschrieben. Er entwickelt enorme Präsenz auf der Bühne, man kann sich kaum entscheiden, ob man ihn lieber reden oder singen hört. Das Publikum folgt ihm in seinen Ansichten – mit einer Ausnahme. „Sie haben den Falschen“ hat er sein neues Album genannt. An diesem Abend war er genau der Richtige.

Von Anke Schlicht