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Celle Stadt Missbrauch in der Familie / Risse in der Fassade weiten sich aus
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Missbrauch in der Familie / Risse in der Fassade weiten sich aus
18:24 14.02.2010
17 Heinz Trixner, Alexander Löffler - 76 Heinz Trixner, Rudolf Zollner, Monika Häckermann - 177 Ensemble - 203 Heinz Trixner, Jürgen Kaczmarek, Peter-Andreas Landerl - 151 Familie und Gäste an der Festtafel (Ensemble) Quelle: Fremdfotos / Texte Eingesandt
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Von Jörg Worat

CELLE. „Das Stück ist eine Unverschämtheit!“, konstatiert eine Besucherin in der Pause. Stimmt. Allerdings gehört das Recht auf Unverschämtheit zum Wesen der Kunst – und das Schlosstheater hat den Mut gehabt, mit „Das Fest“ von Thomas Vinterberg und Mogens Rukov ein Stück in den Spielplan zu nehmen, das vor unangenehmen Wahrheiten nicht zurückschreckt. Wenn die Premiere gleichwohl zur zweischneidigen Angelegenheit wurde, lag das sicher nicht primär an der Textauswahl.

Zu besagtem Fest lädt Helge Klingenfeldt in sein Hotel: Familie und Freunde sollen den 65. Geburtstag des erfolgreichen Mannes feiern. Mitten in die Feierstimmung platzt ein unerwarteter Toast der älteren Sohns Christians: Im sachlichsten Tonfall der Welt verbindet er Glückwünsche mit der Enthüllung, der Vater habe ihn selbst und Zwillingsschwester Linda, die unlängst Selbstmord begangen hat, in der Kindheit regelmäßig missbraucht. Die Festgesellschaft tut ihr Bestes, diese Ungeheuerlichkeit umgehend wieder auszublenden. Doch die Risse in der vermeintlich heilen Fassade weiten sich immer mehr aus.

Regisseur Thomas Blubacher setzt, anders als der Kollege bei der unlängst angelaufenen hannoverschen Inszenierung des Stücks, nicht auf Verfremdungen. Dennoch wollte sich im ersten Teil keine rechte Realitätsnähe einstellen, und es gab einfach zu viele Spannungslöcher. Das dürfte nicht zuletzt pragmatische Gründe haben: Ausstatterin Susanne Thaler stand vor dem letztlich kaum befriedigend zu lösenden Problem, eine sehr große Örtlichkeit auf einer ziemlich kleinen Bühne zusammenstauchen zu müssen. Wenn dann Parallelhandlungen nur mit Lichtinseln voneinander abgehoben werden sollen, wirkt das leicht etwas läppisch.

Sehr nah kamen die Darsteller allerdings zumindest Teilen des Publikums in der Eröffnungsszene, die im Mittelgang des Zuschauerraums stattfindet und im Sinne der dort sitzenden Besucher vielleicht noch einmal geprobt werden sollte: Wenn da derart unbedarft mit allerlei Gepäckstücken hantiert wird, dass man die Neigung verspürt, vorsichtshalber in Deckung zu gehen, ist das weder sonderlich witzig noch erfüllt es in dramaturgischer Hinsicht irgendeinen nachvollziehbaren Zweck.

Der Aufbau der Festtafel zog sich ziemlich in die Länge, als sie dann aber installiert war, wirkte die Inszenierung gleich spürbar konzentrierter. Nun kamen auch die Leistungen der 15 Akteure besser zum Tragen. Heinz Trixner verlieh dem Vater etliche Facetten zwischen Jovialität und Eiseskälte, Alexander Löffler gab Christian eine angemessene Portion Grundernsthaftigkeit mit. Petra Friedrich spielte in der Rolle der Tochter Helene einmal mehr tadellos, ebenso glaubwürdig Monika Häckermann als Mutter Else. Daniel Brockhaus gab den rüpelhaften Sohn Michael sehr grimmig und hatte dem Publikum zwischendurch seine blanke Kehrseite zu präsentieren. In der Wortwahl wenig zimperlich fielen die Zwistigkeiten mit Bühnengattin Mette aus – Edith Konrath demonstrierte in dieser Rolle übrigens mehrfach sehr schön, wie man auch dann mitspielt, wenn der Fokus auf einer anderen Figur liegt.

Jan-Christof Kick schien an dem dankbaren Part des schmierigen Toastmasters Helmut seine Freude zu haben und hätte mit seinem Outfit große Chancen auf den ersten Platz in einem Bad-Taste-Wettbewerb. So richtig schön nerven durfte Rudolf Zollner als reichlich seniler Großvater, der immer dieselbe Geschichte zum Besten gibt.

Ein durchmischter Abend, mal berührend und mal zäh, mal traurig und mal bitter-komisch. Entsprechende Zuschauerreaktionen: kräftiger Beifall für die Darsteller, vereinzelten Buhs für das Produktionsteam von der einen Seite antworteten prompt Bravos von der anderen.

Von Jörg Worat