Menü
Cellesche Zeitung | Ihre Zeitung aus Celle
Celle Stadt Mit dem Rollstuhl auf Korbjagd
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Mit dem Rollstuhl auf Korbjagd
10:07 13.09.2018
Im Profirollstuhl richtig Gas geben: Im Rahmen des Projektes „Von Behindertensportlern lernen“ hatten Schüler an der Oberschule I in Celle viel Spaß beim Rollstuhlbasketball. Quelle: Oliver Knoblich
Celle

Man hört an diesem Vormittag merkwürdige Geräusche aus der Oberschule 1 in Celle. Es quietscht und rumpelt, hin und wieder wird die Geräuschkulisse durch laute Jubelschreie unterbrochen. Ein Blick in die Sporthalle sorgt für weitere Fragen, denn man sieht 13 Schüler, die in Rollstühlen dem Ball hinterherjagen. Was ist da los und was hat der Krach zu bedeuten?

Die Antwort ist ganz einfach. Es wird Rollstuhlbasketball gespielt. Das Projekt des Behindertensportverbandes Niedersachsen „Von Behindertensportlern lernen“ bietet den Schülern die Möglichkeit, einmal eine ganze andere Seite des Sports kennenzulernen. Begleitet werden die Jugendlichen dabei von einem echten Profi. Eike Gößling spielt in der ersten Bundesliga bei Hannover United. „Was denkt ihr, wie teuer so ein Rollstuhl ist?“, wendet er sich ohne große Umschweife an seine neugierigen Zuhörer. „1000 Euro? 1500 Euro? 900 Euro?“, mutmaßen diese und liegen damit ganz schön weit daneben. „Für 1000 Euro bekommt ihr höchstens die beiden Räder. Ein Profi-Rollstuhl kostet um die 9000 Euro. Doch das soll euch heute nicht davon abhalten, sie ausgiebig zu testen.“

Und so schnappt sich jeder aufgeregt ein Gefährt und dann geht es auch schon los. Ein bisschen zu stürmisch für den Experten. „Halt, alle hiergeblieben!“, ruft er, „Ihr stellt euch jetzt erst einmal alle in einer Reihe auf.“ Die ersten Bewegungen sind noch sehr gemächlich und vorsichtig, hat doch jeder noch die schwindelerregenden Preise im Kopf. Doch die erste Unsicherheit ist schnell überwunden. Die Sportlehrerin Mareike Ludolph steht begeistert am Spielfeldrand und feuert ihre Schützlinge an. „Los, Nadja! Jetzt rückwärts!“, ruft sie einem Mädchen zu und freut sich über die Fortschritte. „Es ist toll anzusehen, dass sich hier alle reinhängen und soviel Freude an der Sache haben.“

Während die Nachwuchsbasketballer inzwischen mit Ball in der Hand das Dribbeln üben, ist in der Mensa der Oberschule eine Diskussion auf dem Podium entbrannt. Im Mittelpunkt steht hier der Sportler Josef Giesen, der selbst contergangeschädigt ist und von Geburt an ohne Arme lebt. Er ist Biathlet aus Leidenschaft, zuletzt gewann er 2010 bei den Paralympics in Vancouver die Bronze Medaille. „Es ist immer einfach zu sagen, ich kann das nicht. Aber manchmal muss man es einfach probieren und sich durchbeißen“, erzählt er seinen neugierigen Zuhörern. „Und wie machen Sie es, wenn Sie auf die Toilette müssen? Und haben Sie eigentlich trotzdem eine Frau?“, sind nur ein Bruchteil der Fragen, die auf ihn niederprasseln. Er beantwortet sie alle geduldig. „Ja, ich habe eine Frau und bin inzwischen sogar Opa. Und auf die Toilette gehe ich ganz normal, hab da ein paar kleine Tricks, die mir helfen zurechtzukommen.“ Die Schüler sind beeindruckt. „Das kann ich mir gar nicht vorstellen“, sagt ein Junge, ein anderer findet, „dass er ja eigentlich ein ganz normaler Mensch ist, wie wir alle“.

Das trifft einen der wesentlichen Punkte des Projekts. „Wir wollen Barrieren abbauen und mögliche Vorurteile nehmen“, sagt Projektmitarbeiterin Silke Lange-Hartmann. Deswegen seien die direkten Fragen der Schüler auch super. „Sie nehmen kein Blatt vor den Mund und Josef Giesen hat auch keinerlei Scheu auf alles einzugehen.“ Währenddessen wandert Giesens bronzene Paralympicsmedaille durch die Reihen. Jeder darf sie anfassen. „Wie schwer sie ist“, wundert sich Lea und fügt hinzu: „Ich finde toll, was er erreicht hat.“

Drüben in der Sporthalle geht es inzwischen heiß her. Die Grundregeln sind besprochen, die Anfängermanöver eingeübt. „Das war sehr lustig, am Anfang war es total unkontrolliert, jetzt kann ich mich schon drehen“, berichtet Leon begeistert von seinen Fortschritten. Zum Verschnaufen bliebt allerdings kaum Zeit. Bundesligaprofi Gößling gibt ein paar abschließende Tipps, bevor das Spiel beginnen kann. „Wenn ihr den Ball wieder aufheben wollt, dann ist es am besten, wenn ihr ihn ans Rad drückt und dann hochzieht.“ Und um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, schnappt er sich den Ball und führt vor, wie das bei den Experten funktioniert. Und während das Treiben während der ersten Fahrversuchen noch an eine Partie Autoscooter erinnerte, machen die Schüler inzwischen eine wirklich gute Figur auf den Rädern und üben sich sogar schon in Ballbeherrschung. Lehrerin Mareike Ludolph steht derweil immer noch mit leuchtenden Augen an der Seitenlinie. „Ich bin mir sicher, dass die Schüler hierbei so viel mehr lernen als in zwei Stunden Deutsch oder Mathe“, sagt sie überzeugt und applaudiert ihren Schützlingen begeistert.

Kurz vor Ende des Spiels zeigt Gößling dann noch einmal, was er drauf hat. Er mischt sich unter die Jugendlichen und fegt mit seinem Rollstuhl durch die Halle, dass die Zuschauer schon zu Seite springen, aus Angst über den Haufen gefahren zu werden. Doch seine Bewegungen sind kontrolliert und als er schließlich den Ball weiterspielt und eine Schülerin den entscheidenden Korb wirft, sind auch die Zuschauer wieder jubelnd mit dabei. Als schließlich die Pausenglocke ertönt und die Schulstunde vorüber ist, fällt es den Schülern tatsächlich richtig schwer, sich von ihren Rollstühlen zu trennen. „Es war mega heute, ich möchte am liebsten noch weiterspielen“, freut sich Luan. Und auch Klassenkameradin Jian ist von den ganzen neuen Eindrücken überwältigt: „Ich hätte nie gedacht, dass das so viel Spaß macht. Ich könnte mir sogar vorstellen, das richtig als Sport zu machen“.

Das Projekt hat es also geschafft, die ziemlich abstrakte Sportart greifbar zu machen. „Ich wusste gar nicht, dass auch Menschen ohne Beeinträchtigung Rollstuhlbasketball spielen“, gibt Vanessa zu. Eine Wissenslücke, mit der sie vermutlich nicht allein dastand. Doch der Bundesligaprofi belehrt die Schüler und Lehrer eines Besseren. Er selbst hat keine körperlichen Beeinträchtigungen und kann ganz normal laufen. „Jedes Team darf nach einem Punktesystem insgesamt 14,5 Punkte auf dem Spielfeld haben. Diejenigen ohne Einschränkungen haben dabei die höchste Punktzahl und die mit den größten die niedrigste“, erklärt Gößling. Die Teams sind also bunt gemischt, mit Spielern, die völlig gesund sowie querschnittsgelähmt sind oder ohne Beine auskommen müssen. Sie alle vereint jedoch die Liebe zum Spiel. Für die Schüler ein großartiges Beispiel der gelebten Inklusion.

Doch das Konzept wirft am Ende der Schulstunde auch Fragen auf. „Ich bin immer automatisch ein bisschen aufgestanden, wenn ich einen Korb werfen wollte. Ist das erlaubt? Weil ganz fair ist das ja den beeinträchtigten Menschen gegenüber nicht“, fragt sich Jian. Und tatsächlich. „Das ist natürlich nicht fair und gegen die Spielregeln. Bei einem Verstoß gibt es Strafpunkte“, erklärt Gößling. Und so ist auch diese letzte Frage aus den Köpfen der Schüler verschwunden und es bleibt die Erinnerung an zwei unvergessliche Schulstunden. „Am Ende geht es um Sport, da wird das drumherum nebensächlich und das ist das Wichtigste“, resümiert Mareike Ludolph mit einem zufriedenen Lächeln im Gesicht das überaus spannende und gelungene Projekt.

Von Marie Nehring