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Celle Stadt Mitmenschen in Not: Celler Familie im Hamsterrad
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Mitmenschen in Not: Celler Familie im Hamsterrad
16:32 13.12.2016
Losverkauf für CZ-Tombola am 10,12,2016 in Stechbahn Innenstadt Celle. (vl). Christoph Ricker, Pastor Uwe Schmidt-Seffers, Pastor Günther Birken und Christa Brandt. Quelle: Alex Sorokin
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Nass und durchgefroren betritt Josef Kowazek (Namen wurden von der Redaktion geändert) die kleine Küche. Dort herrscht Hochbetrieb: Brote schmieren, ein letzter Schluck Kakao, bevor Elena (5) in den Kindergarten und die zwei Großen in ihre Schulen gehen. Mutter Olga steht bereits im Mantel da und schenkt ihrem, von seiner dreistündigen Frührunde heimkehrenden Mann eine Tasse heißen Kaffee ein.

Josef Kowazek trägt ab 4.30 Uhr Zeitungen und Prospekte aus. Das ist nur einer von mehreren Aushilfsjobs, die der 45-Jährige übernommen hat, seit er wegen eines schweren Bandscheibenvorfalls seinen Beruf als Bauarbeiter aufgeben musste. Seither hat er schon einiges ausprobiert, aber die chronisch gewordene Erkrankung zwingt ihn immer wieder zu Pausen. Der Familienvater bekommt eine Teilrente, davon können die Kowazeks nicht leben. Außerdem ist es dem Vater sehr wichtig, seinen Teil zum Familienetat beizutragen: So legt er sich für ein paar Stunden aufs Ohr, um am Nachmittag seinen Job im Lager eines Großdiscounters anzutreten.

Olga Kowazek bringt inzwischen Elena in den Kindergarten, Pit (7) in die Grundschule. Alex hat regelmäßig Arzttermine. Der Neunjährige leidet unter einer schlimmen Stoffwechselerkrankung, bekommt starke Medikamente und kann nur unregelmäßig die Förderschule besuchen. „Mal geht es ihm besser, dann plötzlich geht gar nichts mehr“, berichtet die Mutter. Die Wege in die Fachpraxen oder ins Krankenhaus sind für Alex und seine Eltern, seit die Krankheit vor rund fünf Jahren ausgebrochen und diagnostiziert wurde, schon Gewohnheit. „Damals war ich hochschwanger mit Elena, kurz danach hatte Josef seinen ersten akuten Bandscheibenvorfall. Da hab ich zum ersten Mal gedacht, das schaffen wir einfach nicht“.

Aber die beiden wollen sich nicht unterkriegen lassen. Für die Familie gilt es, stark zu bleiben. Auch an den Kindern ist der psychologische Druck nicht spurlos vorbei gegangen: Pit begann plötzlich zu stottern. Tanja, mit zwölf Jahren die Älteste, hat ihren Kummer mit Süßigkeiten betäubt und ihre Noten haben so nachgelassen, dass sie die Klasse wiederholen musste.

„Ich frage mich oft, womit wir so viel Pech verdient haben“, sagt Olga. Wenn ihr Mann um 20 Uhr von seiner Arbeit wieder zurück ist und die Kinder hüten kann, wird sie ihren Kittel zusammenpacken und bis Mitternacht in Büros putzen gehen. Auch mit diesem Lohn reicht das Einkommen samt Kindergeld und Krankenkassenzahlungen nicht aus für den täglichen Bedarf mit all den Ausgaben für ärztliche Behandlungen. Die Kowazeks erhalten soziale Unterstützung – und jeder Cent, der übrig ist, geht in die Pflege der Kinder. Für Weihnachtsgeschenke und ein entspanntes Festessen ist da nichts übrig.

Von Doris Hennies