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Celle Stadt Mitmenschen in Not: Neuanfang in Celle mit Hindernissen
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Mitmenschen in Not: Neuanfang in Celle mit Hindernissen
17:39 12.12.2017
Celle Stadt

Das Schicksal von Juliane Beyer und ihren Kindern steht exemplarisch für jene Fälle, in denen die CZ-Weihnachtsaktion „Mitmenschen in Not“ helfen will.

„Selbst für mich klingt das alles unglaublich“, erzählt Juliane Beyer. "Ich hab meinen Mann während meiner Ausbildung kennengelernt, er war Lehrling im selben Handwerksbetrieb. Wir waren jung, verliebt, haben schnell geheiratet und Anika kam auf die Welt. Er war immer ein fürsorglicher Vater und Anika vergötterte ihren Vater.“

Die 30-Jährige starrt aus dem Fenster. „Alles schien perfekt. Anika war fünf, als mein erster Sohn geboren wurde, knapp eineinhalb Jahre später kam mein zweiter Sohn zur Welt. 2015 war ich wieder schwanger. Diesmal war es kompliziert, ich musste viel liegen. Die Familie meines Mannes hat uns sehr unterstützt, wir wohnten alle im selben Dorf – ein richtiger Clan. Anika war damals zehn Jahre alt. Sie hatte sich verändert, hatte sich zurückgezogen und ihre ungezwungene Fröhlichkeit verloren. Ich dachte mir nichts dabei, hielt es für erste pubertäre Ansätze“. Rückblickend weiß sie es besser. „Ich werde mir nie vergeben, nicht besser hingeschaut zu haben.“

Die schreckliche Wahrheit kam in der Schule ans Licht. Die Lehrerin plante einen „Vatertag“, an dem die Kinder mit ihren Vätern basteln und werken sollten. Anika bekam einen Weinkrampf, ließ sich nicht mehr beruhigen. Die Schulpsychologin hat dem verzweifelten Mädchen schließlich die Wahrheit entlockt, dass ihr Vater sie seit Monaten sexuell missbraucht. „Sie hat es verheimlicht, weil er ihr eingeredet hat, dass man ihr sowieso nicht glauben würde.“

Die Schule hat das Jugendamt alarmiert, ärztliche Untersuchungen haben den Verdacht bestätigt, die Polizei wurde eingeschaltet. Der Vater hat alles geleugnet. "Ich stand unter Schock, hatte Panik. Ich wollte nur noch weg, aber wohin?“, fragte sich Juliane Beyer. Ihre Eltern waren früh gestorben. Auch deshalb hatte sie sich im Familienkreis ihres Mannes gut aufgehoben gefühlt. Doch dann begann der Clan, sie zu beschuldigen und zu bedrohen. Juliane reichte die Scheidung ein und sagte gegen ihren Mann aus. Heute sitzt er eine zehnjährige Haftstrafe ab.

Vor der bedrohlichen Verwandtschaft floh die Mutter samt Kindern in einer Nacht- und Nebelaktion in ein Frauenhaus. Die Mitarbeiterinnen sorgten dafür, dass die Familie unbekannt in Niedersachsen neue Wurzeln schlagen konnte.

Noch immer fühlen sich die Beyers an ihrem neuen Wohnort fremd. Mutter Juliane hat mit ihren vier Sprösslingen alle Hände voll zu tun. Bis Anika sich sicher fühlt, wird noch Zeit vergehen. So lange wird die Familie auch von Sozialhilfe leben müssen, weil Juliane sich keine Arbeit suchen kann. „Ich bringe die beiden Jüngeren zum Kindergarten, die beiden älteren zu ihren Schulen – und hole alle wieder ab". Für Anika hat sie einige Therapien zur Aufarbeitung teils verschrieben, teils empfohlen bekommen. Aber nicht für alles reicht das Geld, einiges müsste selbst finanziert werden und wer passt inzwischen auf die Kleineren auf? Außerdem muss alles per Bus gehen – und das ist oft sehr umständlich und sehr zeitaufwendig. „Ein Auto wäre toll, aber dazu brauche ich erst einen Führerschein.“

Von Doris Hennies