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Celle Stadt Musik wie nicht von dieser Welt
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Musik wie nicht von dieser Welt
12:39 15.12.2016
Menahem Pressler
Celle Stadt

Gulda ließ jedes Stück vom „Göttlichen“ singen. Er behandelte Mozarts mit größtem Respekt, nahm jeden Ton als etwas Wichtiges und sorgte dafür, dass genau das auch beim Hörer ankam. Da lebte die göttliche Musik ganz im irdischen Hier und Jetzt. Vergleichbares ist heute wohl nur bei drei Pianisten zu erleben. Bei Christian Zacharias, Rudolf Buchbinder und beim wohl ältesten noch immer konzertierenden Pianisten namens Menahem Pressler. Alle drei zeichnen sich im Gegensatz zu Gulda durch eine totale Uneitelkeit aus. Buchbinder und Zacharias sind dabei eher die erdverbundenen Musiker, Pressler sucht und findet den Klang Mozarts hingegen im Überirdischen.

Gestützt am Arm des Dirigenten Paavo Järvi wird der 92-jährige Pressler zum Klavier gebracht. Der klitzekleine Mann setzt sich an den Flügel und wird dann noch ein wenig zurechtgeruckelt, bis seine Sitzposition stimmt. Die Noten werden aufgeklappt – er erlaubt sich ein Spiel aus dem Klavierauszug – und dann beginnt das Unglaubliche: Nach dem eigentlich zu lauten Stückbeginn durch das Orchester beginnt er die mozartschen Töne schweben zu lassen. Nein, dieser alte Mann spielt nicht mit der Kraft eines Gulda und auch nicht mit der Präsenz eines Buchbinder. Er lässt die Musik einfach geschehen, ganz in dem Sinn, wie der Dirigent Sergiu Celibidache immer gesagt hat, dass man Musik nicht machen könne, weil sie im Idealfall einfach passiere. Es ereignet sich eine Musik wie von einem anderen Stern. Dass dabei mal ein paar Läufe verrutschen, sich falsche Töne einmogeln, das interessiert niemanden. Von größerer Bedeutung ist es, dass die wunderbar vielschichtig musizierenden Mitglieder der Bremer Kammerphilharmonie immer wieder zu laut sind. Derartiges kennt man gar nicht von diesem ansonsten so großartigen Orchester. Trotzdem gibt es nicht nur ein einzigartiges Mozart-Klavierspiel zu bestaunen, sondern eine Bläserkultur, die manch Solisten erblassen lassen würde, und auch einige Übergänge, die vom Feinsten sind.

Dass an diesem Abend auch noch zwei andere Stücke auf dem Programm standen, das wurde zur Randerscheinung. Erkki-Sven Tüürs „Lighthouse“ ist zwar durchaus reizvoll, aber mehr auch nicht. Brahms‘ „Dritte“ hingegen geriet in den Ecksätzen fulminant und mit geradezu klassizistischer Transparenz, in den beiden langsameren Mittelsätzen aber erwies sich, dass es nicht des Dirigenten Paavo Järvis Sache ist, die Musik einfach atmen zu lassen.

Von Reinald Hanke