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Celle Stadt NSU-Opferanwalt enthüllt grausame Details
Celle Aus der Stadt Celle Stadt NSU-Opferanwalt enthüllt grausame Details
16:32 02.11.2018
NSU-Opferanwalt Dr. Mehmet Daimagüler: "Aus Feigheit habe ich geschwiegen, dafür schäme ich mich heute." Quelle: Birgit Stephani
Celle

"Nazis haben Deinen Mann umgebracht – doch die Ermittler haben uns nicht geglaubt." Es ist dieser Satz, der die NSU-Prozesse aus Sicht der Angehörigen wahrscheinlich am besten zusammenfasst. Noch heute gibt es viele Ungereimtheiten. Hinter den Angehörigen der Mordopfer von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt und der Komplizin Beate Zschäpe liegen Verhöre und Beschuldigungen, die manche fast zugrunde gehen ließen. Opferanwalt Dr. Mehmet Daimagüler hat zusammen mit der Bühne für Menschenrechte Schicksale einzelner Familien im Rahmen der "Aktionswochen gegen Rechtsextremismus" auf die Bühne des Celler Schlosstheaters gebracht.

"NSU-Monologe – Empörung reicht nicht!" lautet der Titel des Abends, in dem besonders Daimagüler Details der NSU-Prozesse enthüllt, die dem normalen Beobachter ansonsten fremd geblieben wären. Dazu gehört unter anderem die Tatsache, dass die Familien, die mit dem Verlust eines Menschens zu leben hatten, nun auch noch als Beschuldigte behandelt wurden. Mit Tricks und Lügen wurde versucht, die Ermordeten nicht als Opfer, sondern als Täter darzustellen.

Zum Bespiel wurde einer Witwe bei Vernehmungen eingeredet, der erschossene Ehemann und Vater habe eine Geliebte gehabt und sogar zwei Kinder mit ihr. Der Vorwurf, der in diesem Fall im Raum stand, lautete Drogenhandel. Die Ehefrau, die sich sicher war, jede Nacht bei ihren Mann gewesen zu sein. Auch wenn sie wusste, dass er niemals mit Drogen gehandelt hatte, kam sie in Gewissenskonflikte: "Hat er mich wirklich betrogen? Hat er dann vielleicht auch wirklich mit Drogen gehandelt?" Fünf Jahre vergingen zwischen den Morden und dem Prozessbeginn. Fünf Jahre, in denen die Angehörigen im Ungewissen blieben, sich immer neuen Vernehmungen, Überwachungen und Anfeindungen stellen mussten. Dann der große Paukenschlag: Alles war nur erfunden, um die Angehörigen unter Druck zu setzen.

Täter oder Opfer? Das ist eine elementare Frage des Prozesses. Dabei kam nach und nach raus: Vieles ist falsch gelaufen, vieles wurde vertuscht, die Wahrheit wurde nur selten gesagt, besonders nicht aufseiten des Verfassungsschutzes. Auch heute noch sind viele Fragen offen, viele Dinge unschlüssig, Fragen, die auch heute noch die Angehörigen quälen. Diesen sei es nicht um Rache gegangen, weiß Daimagüler. Die Angehörigen wollten verstehen, was geschehen ist und warum gerade ein Mitglied ihrer Familie zum Opfer wurde. Waren es zufällige oder ausgewählte Opfer?

Letzteres kann vermutet werden, schaut man sich die Tatorte an, denn diese liegen teils an Orten, die nicht zufällig gewählt worden sein können. Die Angehörigen bewegt die Frage, ob es Menschen gab, die ihre Angehörigen beschattet und "vorgeschlagen" haben. Es bleibt großes Misstrauen. Wirkliche Antworten auf Fragen gab es für die Hinterbliebenen nicht.

Daimagüler selbst sagt von sich, er habe gefühlt, eigentlich sogar gewusst, dass es Morde von Nazis gewesen seien, aber: "Ich habe geschwiegen, aus Feigheit und dafür schäme ich mich heute. Wir dürfen nicht schweigen, wir müssen unbequem sein. Das Problem der Gesellschaft: Wir akzeptieren Dinge, solange sie uns nicht persönlich betreffen. Aber es betrifft uns alle."

Von Birgit Stephani

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