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Celle Stadt Nackte Tatsachen als Spielwiese
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Nackte Tatsachen als Spielwiese
10:44 26.02.2010
Aktmalkursus in Celle: Wolfdieter Reif beim Zeichnen . Quelle: Aneka Schult
Celle Stadt

Die Staffeleien stehen. Die Teilnehmer des Aktmalkurses von Brigitte Guhle haben ihre Malpositionen im Celler Mehrgenerationenhaus eingenommen. Nur die beiden Modelle müssen noch aus ihren Bademänteln schlüpfen und auf der Spielwiese inmitten des Raumes in Stellung gehen. Dafür sind Marion Mayer und Franz Müller extra aus Mainz und Salzburg angereist. Die Dozentin, die seit 1996 unterrichtet und seit 2002 Wochenendworkshops leitet, arbeitet häufiger mit dem Paar zusammen. Tief schauen sich die Schneiderin, Keramikerin und Hafnerin und der Ingenieur der Nachrichtentechnik in die Augen, eng umschlungen. Seit einem Jahr machen sie das schon. „Ich nehme meist Tantra-Paare, weil sie ihre Körper beherrschen und positive Energie auf die Gruppe ausüben“, so Guhle.

„Los geht’s mit Doppelakt“, ertönt ihr erster Auftrag. „Aber zeichnet nur eine Figur mit vier Armen, vier Beinen, zwei Köpfen. Dafür gibt es vier Minuten.“ Guhle macht es vor, zeichnet fix wenige Striche. Ihre Philosophie: „Bei der Darstellung von Menschen ist es wichtig, dass man zeichnet, was man sieht und nicht, was man denkt, zeichnen zu müssen. So bilden sich neue Synapsen. Ich versuche immer, rechte und linke Gehirnhälfte abwechselnd zu fordern.“ Und leise: „Ich merke, vier Minuten sind schon zu lang, da wird zu viel gedacht.“

Am Vortag hätten die elf Teilnehmer des Wochenendkurses, die Mitglieder des Amateurmalkreises Celle, noch ungläubig gestutzt. In so kurzer Zeit zwei Körper zeichnen? Unmöglich. Guhle aber stieß sie ins „kalte Wasser“ und fing mit dem Schwierigsten an, dem Zeichnen von extremen Verkürzungen. Bereits dabei seien starke Ergebnisse entstanden, auch beim Porträtmalen von umgekehrten Vorlagen oder beim Händezeichnen.

Am zweiten Tag zeigen die meisten längst Grundvertrauen in ihren Strich. „Wolfgang ist richtig locker geworden, sehr sicher“, lobt Guhle, dem Vorsitzenden des Amateurmalkreises, Wolfgang Richter, über die Schulter schauend. Er war es, der die Dozentin aus Wiesbaden nach Celle einlud. Da er selbst dank eines Geschenkes seiner Kinder in den Genuss einer Kreativreise in die Toskana kam – Guhle bietet Deutschland, Dänemark und Italien für ihre Malreisen an – aber weder in Celle, noch in Braunschweig oder Hildesheim Aktmalkurse fand, holte er das Team hierher. „Er ist auch sehr gut“, deutet Guhle in die Richtung von Wolfdieter Reif. Vor zweieinhalb Jahren erst habe er mit Malen begonnen, erklärt er. Mit lockerer Hand aber bringt er fixe Formen unter Zeitdruck aufs Papier. „Der Minutentakt ist teilweise stressig“, gibt er zu. Aber dass er an nur zwei Tagen durch Tipps und Tricks solche Erfolge erzielt, verblüffe ihn schon. „Es macht einfach Spaß.“ Im Hintergrund stimuliert Musik. „Da der Kurs so gut ankommt, haben wir eine Wiederholung des Workshops auch für Nichtmitglieder des Amateurmalkreises angedacht“, sagt Richter.

Fernsehbericht: Der Dokumentarfilm „Der letzte Akt“, in dem Brigitte Guhle zu sehen sein wird, soll Mitte Juni in ORF und „Arte“ ausgestrahlt werden.

Von Aneka Schult