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Celle Stadt Neuanfang mit guter Prognose für Celler Familie
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Neuanfang mit guter Prognose für Celler Familie
17:54 20.12.2016
Celle Stadt

Ganz ehrlich erzählt die 28-jährige Sibille ihre Lebensgeschichte, beschönigt keine Talfahrt, kein persönliches Scheitern, nicht ihr schlechtes Gewissen, das an ihr nagt. „Sich stellen, aufarbeiten und neu anfangen“ hat ihr die Psychologin gesagt, mit der sie an der verkorksten Vergangenheit und einer besseren Zukunft arbeitet. Daran hält sie sich.

Sibille wird als zweites Kind eines arbeitslosen, gewalttätigen Vaters geboren, ihre Mutter ist 19 – war noch minderjährig, als Sibilles älterer Bruder zur Welt kam. Beide Elternteile sind Alkoholiker. Die Mutter haut mit einem anderen Mann ab, als Sibille knapp fünf Jahre alt ist. Die Kinder bleiben beim Vater. Vernachlässigung und Schläge sind an der Tagesordnung, mit 12 wird sie vom Vater vergewaltigt – sagt aber zunächst nichts. Stattdessen hängt sie – wie ihr Bruder - mit anderen Kids und Teenagern rum, schwänzt die Schule und beginnt selbst mit dem Trinken. Ihre Lehrerin schaltet schließlich das Jugendamt ein. Die Kinder kommen ins Heim. Ihr Bruder hat Glück und wird von einer stabilisierenden Pflegefamilie aufgenommen Das rebellische Mädchen findet keinen Platz …

Als Sibille den 28-jährigen Wolfgang auf der Straße kennenlernt, ist sie 18, wiegt 48 Kilogramm, ist alkohol- und drogenabhängig. Wolfgangs Lebensgeschichte zeigt viele Parallelen. Die beiden verlieben sich, stützen sich, wagen den Ausstieg – und er gelingt. 2013 kommt Sohn Hannes auf die Welt – gesund und ohne Probleme. Sibille und Wolfgang sind seit sechs Jahren "clean". 2015 folgt Tochter Marie. Das Paar lebt noch unterstützend von Sozialhilfe, aber das soll nach der Ausbildung von Wolfgang als Lagerist anders werden …

Dann kommt es zum Gau: Sibilles Bruder stirbt plötzlich und unerwartet. Nebenkostennachzahlungen stürzen die Familie in Schulden, Verwaltungs-Wirrwarr führt zur Räumungsklage der Wohnung. Alle Träume einer besseren Zukunft scheinen zerplatzt. Das Paar greift gemeinsam zum Glas und zur Droge, stürzt innerhalb weniger Tage ab, in alte Gewohnheiten, in den tröstlichen, alles auslöschenden Bewusstseinsnebel.

Das Jugendamt sieht sich zum Handeln gezwungen, nimmt die beiden Kinder aus der Familie. Das dringt durch. Beide Elternteile tun alles dafür, ihre Kinder wiederzubekommen, begeben sich in die Entgiftung und anschließend in psychologische Betreuung. Seit vier Monaten sind die Eltern nachweislich sauber, begeben sich freiwillig in regelmäßige Kontrollen. Seit drei Monaten leben die Kinder wieder im gemeinsamen Haushalt. Experten und Sozialarbeiter bestätigen eine ungewöhnlich feste, liebevolle Beziehung der Erwachsenen zu ihren Kindern.

Jetzt brauchte die Familie erst einmal einen finanziellen Zuschuss für ein entspanntes Weihnachtsfest. "Wir sind aufgewacht, haben das Tief als Warnschuss gehört und sind dankbar für all die Hilfe. Unsere Kinder müssen ein besseres Leben haben, als wir."

Von Doris Hennies