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Celle Stadt Neue Runde im Celler Cramer-Poker
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Neue Runde im Celler Cramer-Poker
14:58 30.08.2017
Von Michael Ende
Celle Stadt

Cramers Vorgehen ist aus amerikanischen Gerichtsprozess-Spielfilmen bekannt: Unmittelbar bevor das Urteil gefällt werden soll, präsentiert die Seite, die zu unterliegen scheint, neue Beweise und neue Zeugen, und alles kommt völlig anders als erwartet. So hatte Cramer eine Stunde vor der Bauausschuss-Sitzung den Politikern per E-Mail eine Stellungnahme zukommen lassen. Darin enthalten war ein siebenseitiges Plädoyer gegen die Verwaltungsargumente sowie ein siebenseitiges Cima-Gutachten, das bescheinigen soll, dass die Cramer-Pläne absolut unschädlich für die Altstadt seien. Nigge selbst erhielt diese Mail erst, während er in der Sitzung saß – er konnte sie gar nicht lesen.

Im Schreiben an die Ratsmitglieder macht Kramer seinem Unmut über die aus seiner Sicht unfaire Behandlung Luft: Die Stadtverwaltung habe fertige Verträge von sich aus verworfen, „von heute auf morgen“ städtebauliche Ziele verändert und die Schuld am Scheitern des Vorhabens „grundlos“ auf Cramer geschoben, so der Kaufmann: „Es werden Versprechungen an den OB zitiert, die es nicht gegeben hat. Der OB behauptet wider besseren Wissens, dass die ausgehandelten Verträge nicht unterschriftsreif seien, weil es an einer Ausführungsplanung fehle.“ Das sei „falsch“.

Cramer empfiehlt den Ratspolitikern, allen – sogar sich selbst – nicht über den Weg zu trauen: „Trauen Sie nicht dem, was Ihnen der Oberbürgermeister und seine Verwaltung zu dem Projektverlauf berichten. Misstrauen Sie Rat und Verwaltung vor allem dann, wenn sie versuchen, eigenes Fehlverhalten zu vertuschen, indem Sie mir Unzuverlässigkeit unterstellen.“

Während der Bauausschuss-Sitzung kannte Nigge den Inhalt von Cramers Schreiben noch nicht. Gleichwohl empfahl der Oberbürgermeister, den Tagesordnungspunkt Cramer abzusetzen: „Wir wollen uns nicht nachsagen lassen, vorschnelle Entscheidungen herbei zu führen und so Investoren abschrecken. Ich schlage vor, dass wir uns erneut mit Herrn Cramers Informationen beschäftigen und dann das Thema erneut auf die Tagesordnung setzen.“ Angesichts der jahrelangen Planungen komme es auf ein paar Wochen nicht an, so Nigge. Der Ausschuss stimmte zu.

Gestern hatte der OB Cramers Schreiben gelesen. „Vieles darin stimmt einfach nicht“, so Nigge, der alle Vorwürfe zurück weist. „Wir werden Herrn Cramers Schreiben abarbeiten und dann dem Rat eine aktualisierte Beschlussvorlage präsentieren.“ Er bleibe aber bei seiner Ansicht, dass das Cramer-Projekt nicht mehr zur neuen städtebaulichen Landschaft der City passe: „Die Cima hat 2001 in einem Gutachten gesagt, dass ein Projekt wie das von Herrn Cramer nicht an die geplante Stelle hin dürfe. Und jetzt bestätigt die Cima im Auftrag von Herrn Cramer, dass sein Vorhaben die Altstadt nicht gefährdet.“ Das passe nicht zusammen, so Nigge. „Ich kann verstehen, dass ein Investor, dessen Projekt zur Disposition steht, emotional reagiert, aber über Stil lässt sich streiten.“