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Celle Stadt Neues Buch würdigt Theatermann Hannes Razum
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Neues Buch würdigt Theatermann Hannes Razum
10:59 26.04.2013
Von Andreas Babel
Zwischen diesen beiden Porträts von - Hannes Razum liegen etwa 25 Jahre. Das - kleine Bild entstand um 1952 herum. Quelle: Karin Blüher
Celle Stadt

Nur an ganz außergewöhnliche Menschen oder an solche, die im System der Massenmedien vor der Kamera gearbeitet haben, werden sich die nachfolgenden Generationen auch in 100 Jahren noch erinnern. Damit Hannes Razum und seine Lebensleistung nicht in Vergessenheit geraten, hat die Celler RWLE Möller Stiftung ihm ein Buch gewidmet. Dieses Buch, für das der Celler „Literaturpapst“ Oskar Ansull und Thorsten Albrecht (2001 bis 2011 Dramaturg am Schlosstheater) Verantwortung tragen, gibt zugleich einen Einblick in die Kultur des Theaters während der NS- und in der Nachkriegszeit bis hinein in die 1970er-Jahre.

Hannes Razum war von 1956 bis 1972 Intendant des Celler Schlosstheaters. In dieser Zeit hat er 277 Stücke aufgeführt, davon 46 Erst- und Uraufführungen. Ansull kritisiert in seinen Nachschriften die Verantwortlichen des Celler Schlosstheater-Vereins, die in einer Jubiläumsschrift 1975 versucht hätten, „die 16 Bühnenjahre mit Hannes Razum in ihrer Bedeutung zu verwischen und zu verwässern“. Ansull regt an, das Celler Nachkriegstheater-Kapitel noch zu schreiben, fordert auf, sämtliche Archivalien zusammenzutragen und im Schloss eine feste Ausstellung einzurichten, die man beispielsweise während der Theaterpausen anschauen kann.

Zurück zu Razum: Der 1907 Geborene wächst am Prenzlauer Berg in Berlin auf. Er stammt aus einfachen Verhältnissen. In Berührung mit dem Theater kommt er erst 1919, als er Schillers „Don Carlos“ mit Werner Krauss sieht. Vollends vom Theater-Virus infiziert ist er 1923, als er das Kriegsheimkehrerstück „Hinkemann“ mit Heinrich George sieht. In dieser Rolle nimmt George ihn in solch einen Bann, dass Razums weiterer Weg davon entscheidend vorherbestimmt wird. Das Stück „Hinkemann“ bringt Razum 1970 auch in Celle wieder zur Aufführung. Auch im konservativen und in weiten Teilen noch rechten Celle sorgt die Inszenierung für einen Skandal.

Nach Anstellungen als Spielleiter in Aachen, Gießen, Düsseldorf und Den Haag muss Razum noch kurz im „Volkssturm“ zur Waffe greifen. Nach dem Krieg wird er Schauspieldirektor in Erlangen und von 1950 bis 1956 der Theater der Freien Hansestadt Bremen.

Nach zwei Ehen mit den Schauspielerinnen Maria Weisser (1935 bis 1941) und Käthe Braun (1942 bis 1949) heiratet er im Dezember 1949 Christine Werner. Mit der heute 89-Jährigen bleibt er bis an sein Lebensende zusammen. Die beiden ergänzen sich offenbar wunderbar und Christine Razum leistet an der Seite ihres Mannes auch fürs Schlosstheater „ein enormes Arbeitspensum“, wie Thorsten Albrecht sagt.

Beide entdeckten durch ihren Lesedurst etliche Vorlagen für Razums literarisch geprägtes Theater. Celles heutige Intendantin Bettina Wilts porträtiert Christine Razum am Ende des Buches „Einladung ins Welttheater“, das an diesem Sonntag im Rahmen einer Matinee im Celler Schloss vorgestellt wird.

Die Autoren des Buches greifen auf autobiografische Skizzen des langjährigen Intendanten zurück sowie auf seine Beschreibungen der in Celle unter seiner Federführung auf die Bühne gebrachten Stücke. So können sich diejenigen, die die goldenen Zeiten des Celler Theaters miterlebt haben, an längst vergangene schöne, berührende, aber auch verletzende und verstörende Eindrücke im Schloss zurückerinnern.

Herrlich lesen sich die Zeilen aus Razums Feder, wie er seine ersten Eindrücke von der einstigen Residenzstadt im Jahre 1956 schildert: Er echauffiert sich über das „Mahnmal von der Stange“ vorm Schloss, das einen nackten Soldaten zeigt. Er merkt, wie die unzerstörte Stadt sich gegen die Außenwelt abzuschirmen trachtet. Er bezeichnet den Stadtkirchenturm als „Monstrum“. Er hört einen Choral, den der Turmbläser erklingen lässt und er begegnet einer Handvoll „übermütiger, hübsch gekleideter Mädchen“, die ihm von einem Pferdefuhrwerk herunter Kusshände zuwerfen. Ein frühes Zeugnis des Celler Abi-Brauchs. Man könnte fast meinen, dass in Celle auch zwischen 1956 und heute die Uhren stehen geblieben wären.

Doch Razum hat sicher einiges in den Köpfen und Herzen verändert. Für ihn war es immer ein Anliegen, durch seine Theaterarbeit, in seinen Zuschauern einen Denkprozess anzuregen. Bestenfalls sollte bislang Verblendeten die Augen geöffnet werden. Das war ihm vor allem in Bezug auf die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit wichtig. Er musste hier in Celle gegen besonders hartnäckige Einstellungen angehen.

erst 1939 wird es erneut eröffnet