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Celle Stadt Neujahrskonzert in Celler Stadtkirche mit hörbaren Visionen
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Neujahrskonzert in Celler Stadtkirche mit hörbaren Visionen
16:37 13.01.2014
Unter der Leitung von Thorsten Encke spielte das in kleiner Besetzung angetretene Orchester - musica assoluta ein eindrucksvolles Programm in der Celler Stadtkirche. Quelle: Alex Sorokin
Celle Stadt

Das war doch mal ein interessantes Neujahrskonzert! Ausgerechnet in der Stadtkirche, normalerweise nicht gerade der Ort besonders wagemutiger Programme, fand ein etwas verspätetes Neujahrskonzert der besonderen Art statt. Das in kleiner Besetzung antretende hannoversche Orchester musica assoluta hatte unter der Leitung des aus Celle stammenden Thorsten Encke Werke von Antonio Vivaldi und George Gershwin einstudiert. Und außerdem noch eine junge Gesangssolistin mitgebracht. Es sollte sich schnell erweisen, dass sowohl Orchester und Solistin als auch das Programm höchst hörenswert sein würden.

Das Programm wirkte in der Papierform noch so als könnte die Kombination Vivaldi-Gershwin nie und nimmer stimmig wirken. Weit gefehlt. Die Tatsache, dass Encke die Vivaldi-Stücke mit größter Expressivität spielen ließ und teilweise geradezu in die Extreme trieb, führte dazu, dass sie vom ersten Ton an ganz frisch, ja manchmal geradezu modern wirkten. Diese Eindrücke waren für sich gehört schon eindrucksvoll. Das lag nicht nur am überzeugenden interpretatorischen Ansatz Enckes, der ganz unverkrampft moderne und alte Spielweisen mit einander zu kombinieren verstand, sondern auch an der Virtuosität der Musiker, allen voran des Flötisten Martin Glück und des Fagottisten Eric Artelt, die mehrfach in instrumentale Dialoge miteinander traten. Wenn Barockmusik nur öfter so inspiriert gespielt würde!

Dazu kam noch, dass Bele Kumberger drei Vivaldi-Arien mit einer so bezwingenden Musikalität und geradezu betörenden Stimme sang, dass man ihr gerne noch länger zugehört hätte. Kumberger sang zwar sehr konzentriert, blieb dabei aber immer so natürlich und musikalisch innerlich frei, dass ihre Koloraturen nie äußerliche Dekoration wurden, sondern immer als Ausdruck purer Empfindung wirkten. Wenn Kumberger Stimme in sich noch ein klein wenig beweglicher wird, so dürfte sie bald in viel prominenterem Umfeld singen. Wenn Barockmusik nur öfter so gesungen würde!

Ebenfalls faszinierend waren die Arrangements von mehreren Gershwin-Stücken für kleines Ensemble. Sowohl die Preludes als auch „Summertime“ und „I loves you, Porgy“ aus „Porgy and Bess“ waren schon wegen dieser gelungenen Bearbeitungen Entdeckungen. Zusätzlich verblüffte aber auch hier das Orchester musica assoluta mit instrumentaler Brillanz und einer Selbstverständlichkeit im differenzierten Spiel, die man keineswegs als selbstverständlich erwartet hat. Und auch hier zeigte Kumberger, dass sie eine sängerische Begabung ist, von der man noch mehr hören möchte. Vielleicht mal eine große Mozart-Rolle. Oder auch Richard Strauss. Wenn mehr Sängerinnen solch stimmliches Charisma hätten!

Und außerdem: Vielleicht sollte man mal in der Stadtkirche überlegen, ob man Enckes musica assoluta nicht jedes Jahr zum Auftakt der Konzertsaison einladen oder zumindest für die Celler Oratorienaufführungen anfragen sollte.

Von Reinald Hanke