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Celle Stadt Nur die Qualifikation zählt
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Nur die Qualifikation zählt
15:37 10.04.2013
Von Michael Ende
Werben für anonymisierte Bewerbungsverfahren (von links). Dirk-Ulrich Mende, Christine Lüders und Thomas Edathy. Quelle: Alex Sorokin
Celle Stadt

Sein Vater stammt aus dem indischen Bundesstaat Kerala, sein Bruder Sebastian ist SPD-Bundestagsabgeordneter und Vorsitzender des Untersuchungsausschusses zur Terrorgruppe "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU). Und doch hat bei Thomas Edathys Bewerbung weder sein Migrationshintergrund noch ein Parteibuch - das er nicht besitzt - eine Rolle gespielt: Er rückt auf den Chefsessel der Celler Stadtwerke vor, weil er dafür qualifiziert ist. Der in Hannover geborene Edathy hat einen Studienabschluss in Geologie, ein Wirtschafts-Diplom und ist Diplom-Kaufmann. Von 1997 bis 2008 war er bei den Stadtwerken Hannover IT-Projektleiter, Assistent des technischen Vorstands und Leiter einer Stabsabteilung. Derzeit ist er bei der EVI Energieversorgung Hildesheim als Leiter Unternehmensentwicklung/ Service Energiewirtschaft tätig.

Er persönlich habe das anonymisierte Bewerbungsverfahren der Stadt Celle als sehr angenehm empfunden, sagt Edathy, der weiß, wovon er spricht: "Ich habe selbst einen ausländischen Namen, aber auch ich habe schon bei meiner Tätigkeit in Hildesheim Bewerber aussortiert, weil sie einen ausländischen Namen hatten - wenn es zum Beispiel um Jobs geht, für die man gute Deutschkenntnisse braucht, filtert man da automatisch." Er habe es auch schon erlebt, dass es nicht immer von Vorteil sei, wenn man einen Bundespolitiker als Bruder habe, so Edathy: "Das hat für mich auch schon negative Folgen gehabt." Es sei wichtig, dass Bewerber für eine Stelle nicht schon gleich zu Beginn des Verfahrens auf bewusste oder unbewusste Ressentiments träfen: "Die erste und wichtigste Hürde ist es, erst einmal zum Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden."

Vorher solle in Celle niemand wegen Hautfarbe, Geschlecht, Herkunft, Aussehen oder auch Alter und Familienstand aussortiert werden, so Oberbürgermeister Dirk-Ulrich Mende (SPD). Bei anonymisierten Bewerbungsverfahren steht die Qualifikation des Bewerbers im Vordergrund. Auf persönliche Informationen wie Foto, Alter, Anschrift oder Herkunft wird im ersten Schritt verzichtet. Stattdessen werden gezielt Qualifikationen und Motivationen des Bewerbers abgefragt. Erst im zweiten Schritt, bei der Einladung zum Bewerbungsgespräch, erhält der Personalchef alle weiteren Details. Mende: "Ich finde dafür den Begriff qualifikationszentriertes Bewerbungsverfahren passender."

Die Stadt Celle hat inzwischen 23 Stellen nach dem System besetzt, das nach einem bundesweiten Pilotprojekt in acht Bundesländern sowie weiteren Kommunen und Firmen getestet wird. Die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, Christine Lüders, hofft, dass das Celler Modell Schule mache. "Besonders wichtig ist das Weglassen des Fotos - sonst kommt sofort Sympathie oder Antipathie ins Spiel."

Voll und ganz setze Celle allerdings nicht auf anonymisierte Bewerbungen, so Rathaus-Personalchef Jockel Birkholz auf CZ-Nachfrage: "Das gilt für Posten, für die keine besonderen Qualifikationen nötig sind wie etwa Küchenhilfen oder für Stellen zum Beispiel in Kindertagesstätten, bei denen die Bewerber so rar sind, dass wir sowieso jeden zum Gespräch einladen." Michael Ende