Menü
Cellesche Zeitung | Ihre Zeitung aus Celle
Celle Stadt Obdachloser in Celle "will keinem auf der Tasche liegen"
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Obdachloser in Celle "will keinem auf der Tasche liegen"
21:44 06.01.2017
Seit mehr als einem Jahr sucht Peter Kolle eine kleine Wohnung. Unter einer Brücke hat er sein Refugium. Statt Alkohol und Drogen konsumiert er Bücher. 200 Stück gehören zu seinem Hab und Gut.  Quelle: Dagny Rößler
Celle Stadt

Nach drei Schicksalsschlägen in der Familie hat Peter Kolle (Name geändert) seinen Lebensmut verloren und in einer Überreaktion seine Wohnung samt Hab und Gut verlassen. „Seine Ruhe“ hat er ein paar Monate unter einer Brücke gefunden. Doch nun steht dem 66-Jährigen der zweite Winter in seinen zwei Schlafsäcken bevor. „Im letzten Jahr fiel die Temperatur schon mal unter minus 15 Grad. Nach vier Stunden habe ich es nicht mehr ausgehalten und bin durch die Gegend spaziert, um mich warmzuhalten“, erzählt er.

Für Kolle beginnt jeder Tag um 8 Uhr mit einem Frühstück bei der Bahnhofsmission, danach fährt er mit dem Rad zum Friedhof, um das Grab seines Sohnes und das seiner Ex-Frau zu besuchen. Dann geht es zurück zur Ambulanten Hilfe für Wohnungslose. Dort kann er seine Wäsche waschen und am PC nach einer Wohnung suchen. Er brauche nur etwa 25 Quadratmeter, für die er nicht mehr als 370 Euro ausgeben will. „Ich möchte die Miete von meiner 700-Euro-Rente bezahlen können und dem Staat nicht auf der Tasche liegen“, betont er. Seine Einstellung zum Geld könnten viele Vermieter nicht nachvollziehen. Weil sie kein Problem damit hätten, wenn das Geld regelmäßig direkt vom Amt komme.

Mit Kolle sind momentan noch 175 andere Obdachlose in Celle auf Wohnungssuche und über die Ambulante Hilfe postalisch erreichbar. Im Sommer waren es noch 160, vor fünf Jahren waren es nur 80 Obdachlose, die damals noch in wenigen Monaten ein neues Zuhause gefunden haben. „Doch in Celle gibt es immer weniger kleine Wohnungen für Alleinstehende“, sagt Sozialarbeiter Jens Schreck. Die meisten Wohnungslosen kämen zwar vorübergehend bei Verwandten und Bekannten unter, müssten aber mit der Ungewissheit leben, jeden Tag vor die Tür gesetzt zu werden.

Einige Wohnungslose suchen im Kalandhof Unterschlupf. Dort gibt es Verpflegung, Waschmaschinen und sogar einen Fernsehraum. Doch dort habe Peter Kolle keine gute Erfahrungen gemacht. „Nach drei Tagen bin ich dort wieder raus. Ein Mitbewohner hat versucht, mich mit einem Kissen zu ersticken, weil ich so laut schnarche“, erzählt Kolle.

Der 66-Jährige ist einer von zwei Obdachlosen, die in Celle dauerhaft auf der Straße schlafen. Statt Alkohol und Drogen konsumiert Kolle Bücher. 200 Stück hat er unter der Brücke liegen: „Wenn ich mit dem Haufen fertig bin, fange ich wieder von vorne an.“

Von Dagny Rößler