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Celle Stadt Offene Ohren am Bahnhof
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Offene Ohren am Bahnhof
10:32 23.09.2018
Quelle: Oliver Knoblich
Celle

Die beiden ehrenamtlichen Helfer Hilde Lüßmann und Hermann Hilpert teilen sich die erste Schicht des Tages. Sie sitzen im Aufenthaltsraum der Bahnhofsmission und beobachten dabei die Besucher. Die meisten sitzen an den Tischen und trinken etwas Warmes. Hilpert und Lüßmann genießen die Ruhe, während sie auf den nächsten Zug warten.

„Verspätungen sind immer ein bisschen blöd“, sagt Hilpert. Der mittlerweile zum stellvertrenden Leiter aufgestiegene Helfer ist bereits seit zehn Jahren bei der Bahnhofsmission. „Wenn man länger am Gleis wartet, muss man aufpassen, dass man die Kollegen nicht zu lange alleine lässt.“ Immer wenn ein Zug kommt, geht einer der beiden Ehrenamtlichen zum Gleis, um zu schauen, ob ein Reisender Hilfe benötigt. In der Zeit wartet der andere Helfer in der Bahnhofsmission.

„Man weiß nie, was einen erwartet“, sagt Hilpert und fügt lachend hinzu: "Nur eines weiß man genau: Der Tag beginnt mit Kaffee kochen und Brötchen schmieren." Beides gibt es in der Bahnhofsmission umsonst.

In seinen zehn Jahren hat Hilpert schon einiges erlebt, wie er erzählt, während er am Gleis steht und wartet. „Einmal ist hier ein Mann gestorben. Er hatte einen Herzinfarkt.“ Noch heute erinnert sich Hilpert daran, wie er einen Infusionsbeutel halten musste, während die Notärzte versuchten, den Mann wiederzubeleben.

"Ein anderes Mal ist eine nackte und orientierungslose Frau aus dem Zug gestiegen“, erinnert sich Hilpert. "Ausgerechnet an dem Tag waren wir zwei Männer, die Schicht hatten." Denn normalerweise teilen sich für solche Fälle immer eine Frau und ein Mann eine Arbeitszeit. Während er das erzählt, strömen zahlreiche Reisende aus dem ankommenden Zug. Niemand von ihnen ist auf seine Hilfe angewiesen. „Seit alle drei Fahrstühle funktionieren, braucht man uns an den Gleisen nicht so häufig“, erklärt Hilpert und macht sich auf den Rückweg zu seiner Kollegin.

Von den etwa 15 Helfern an der Bahnhofsmission leisten die meisten ehrenamtliche Arbeit. Für nur drei Stellen gibt es Geld. Dann auch nur auf 450-Euro-Basis und im Rahmen einer Halbtagsstelle. Deshalb sind die Helfer froh, wenn sie alle drei Schichten am Tag besetzt bekommen. „Manchmal müssen wir hier auch um 14 Uhr die Tore schließen“, erklärt Hilpert, wobei die Bahnhofsmission Werktags eigentlich bis 17 Uhr geöffnet hat.

Hilpert ist mittlerweile Rentner und über seine Frau, die ehemals die Leitung innehatte, zur Bahnhofsmission gekommen. Seine Kollegin Hilde Lüßmann hingegen ist nebenbei noch berufstätig. Dennoch ist auch sie schon seit fast zehn Jahren dabei. Und auch sie hat in dieser Zeit einiges erlebt. „Einmal hatten wir einen Gast, der plötzlich aggressiv geworden ist“, sagt sie. "Da mussten wir die Polizei rufen." Ein anderes Mal kam in ihrer Schicht eine junge Frau zu ihr, die sich Hilfe suchend an sie wandte und von ihren Problemen erzählte. "Ihr Freund hat sie geschlagen und zur Prostitution gezwungen. Da blieb mir erst einmal ganz schön die Luft weg. Mit solchen Schicksalen bin ich vorher nicht in Berührungen gekommen." In solchen Momenten habe sich Lüßmann gefragt, ob sie weiter in der Bahnhofsmission arbeiten könne. "Bei der nächsten Schicht war ich dann aber froh, wieder hier zu sein", sagt Lüßmann. Die positiven Erfahrungen überwiegen. "Das Gefühl, Menschen zu helfen, ist toll", sagt sie und Hilpert nickt bekräftigend.

Außerdem sei der Kontakt zu den regelmäßigen Gästen der Bahnhofsmission etwas ganz Besonderes. Die meisten von ihnen seien freundlich und hätten auch immer etwas zu erzählen. Darunter ist zum Beispiel Frank Körner. Er zählt zu den " Stammgästen" und kommt bereits seit 15 Jahren. "Die Mitarbeiter hier haben immer ein offenes Ohr und behandeln jeden mit Respekt", sagt er. "Das habe ich in vielen anderen Bahnhofsmissionen auch schon anders erlebt."