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Celle Stadt Oskar Ansull mit Texten von Fritz Grasshoff im ausverkauften „Atelier 22“
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Oskar Ansull mit Texten von Fritz Grasshoff im ausverkauften „Atelier 22“
19:58 04.11.2010
Celle Stadt

Eröffnend las Ansull das Kunstkapitel „Verlieren und Widerfinden oder Cezanne und das Kirchenjahr“ aus Grasshoffs „Der blaue Heinrich“, in dem sich der viele Jahre in Celle lebende Schriftsteller selbst porträtierte. Um nicht unbedarft durch Grasshoffs Werkschöpfungen zu spazieren, thematisierte der historisch ambitionierte Ansull den dunklen Fleck in dessen Biografie – die NSDAP-Mitgliedschaft, seit dem Jahr 1937 bezeugt. „Was war biografisch los?“, fragte der Vortragende, um über Grasshoffs Vita, die Kirchenmalerlehre und die Zeit in der Presseschule dessen Opportunismus zu ergründen – eine Haltung, die, so gedeutet, weniger eine Überzeugungstat war.

Von diesen Recherchen ausgehend gab Ansull einige Kostproben aus Grasshoffs Sammelheftchen „Zeltlieder und Barackenverse“, das unter den Alliierten erschienen war. In der ersten Auflage vom „Hoorter Brevier“ (1947) findet man sein „Vergessen lass mich, was ich weiß“. Eine direkte Anspielung erklingt in „Hakenkreuz und Sülze“. Ansull vermutet, dass die lebenslange Rückgezogenheit und immer neue Aufbrüche an andere Orte mit der eigenen peinlichen Geschichts-Involviertheit zu tun haben könnten. Ebenfalls 1947 erschien die erste neue große Halunkenpostille, zählend zu den erfolgreichsten Lyrikbüchern der Nachkriegszeit. Die Songs, Balladen und Moritaten wurden über eine Million Mal gedruckt. „Scheinbar wurden sie auch so gut wie alle verkauft, denn es sind kaum mehr welche in Antiquariaten zu finden“, so Ansull, der Grasshoff, den Autor, Nachdichter und Übersetzer Bellmanns nicht nur als Bruder Leichtfuß, sondern auch als nachdenklichen Dichter zeigte. Zudem stieß er auf Gedichte, die eine zerbrochene Liebe aus Quedlinburger Tagen zum Thema hatten wie „Mein Alles auf der Welt“. Ansull rezitierte die „Moritat vom eiskalten Gasanstaltsdirektor“, „Rosshaar zerschnitten“ und aus dem in Kriegsgefangenschaft entstandenen „Heiligenhafener Sternsingerspiel“, das in der Celler Stadtkirche schon aufgeführt wurde. Er las Geschichtsträchtiges wie die „Dauerwurst-Ballade“ oder „Alea iacta“ und spielte förmlich Grasshoffs Hafengedichte von Ole Pinelle oder sein „Hommes Femmes“. Schließlich erwähnte Ansull jenes Merian-Heft (1966), in dem der Liedertexter und Gema-Gründer begründen sollte, warum er in Celle wohne. Ihm fiel zuerst nichts ein. Die Celler aber, so zeigte der Andrang, scheinen mehr an ihm zu haben.

Von Aneka Schult