Menü
Cellesche Zeitung | Ihre Zeitung aus Celle
Celle Stadt Pilotprojekt soll Celler Flüchtlingen Demokratie näher bringen
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Pilotprojekt soll Celler Flüchtlingen Demokratie näher bringen
18:47 26.04.2016
Alle Teilnehmer des Workshops sowie Leiterin Liliane Steinke (links) folgen interessiert den Ausführungen der beiden Referenten Hussein Ghrer und Hannah Wettig. Quelle: Alex Sorokin
Celle Stadt

Es ist so spannend wie ein Krimi, was Hussein Ghrer über das Machtsystem in Syrien und die Gründe, die zur Revolution führten, berichtet. Aber dies ist nicht das eigentliche Thema des „Vom Flüchtling zum Bürger“ betitelten und von der Volkshochschule (VHS) veranstalteten Workshops. Der syrische Menschenrechtsaktivist und Blogger Ghrer muss sein Referat abrupt beenden, damit der Zeitplan eingehalten wird, und die anderen Themen nicht zu kurz kommen, so gebannt hören die sieben Teilnehmer am Freitagnachmittag zu und stellen ihre Fragen.

Syrien ist durch den Zustrom an Geflüchteten näher gerückt. Mit dem Satz „Also meine syrische Familie sagt …“, fangen viele Sätze aus dem Teilnehmerkreis an. Alle haben sich auf die eine oder andere Art als Ehrenamtliche in die Flüchtlingsarbeit eingebracht, betreuen hilfsbedürftige Menschen und Familien und möchten hier nun erfahren, was hinter dem Aufruf, Flüchtlinge bei der Bildung des Demokratieverständnisses zu unterstützen, steckt.

Dies erweist sich als schwierig, denn die beiden Referenten Ghrer und seine deutsche Kollegin, die Journalistin Hannah Wettig, gehen mit ihrem Projekt, das sie vorstellen, über die gewohnte Art, das Thema Integration zu diskutieren, hinaus. Die Schutzsuchenden sollen die basisdemokratischen Möglichkeiten in ihrem direkten Lebensumfeld kennenlernen und nutzen und auf diese Weise lernen, was Demokratie bedeutet.

Als Beispiele werden Elternvertretung in Schulen, parlamentarische Arbeit auf kommunaler Ebene, Parteien und Vereine genannt. „Wir wollen den Weg umkehren“, erläutert Wettig. Wünsche und Ideen sollen aus den Reihen der Flüchtlinge kommen, die Ehrenamtlichen sind gebeten, bei der Umsetzung zu helfen.

Mehrfach fragen die Seminar-Teilnehmer nach, welche Rolle ihnen genau zugeordnet sei. Ganz klar umrissen ist dies noch nicht, die Aktion startet in Celle als Pilotprojekt mit dem Ziel, es im zweiten Schritt in Niedersachsen und langfristig auch bundesweit zu etablieren, Fördergelder sind beantragt. Das Treffen in der VHS ist nur vorgeschaltet, diesem vorausgegangen ist wiederum eine gesonderte Präsentation für die Integrationsbeauftragten.

Der eigentliche Startschuss erfolgt am 25. Mai, dann sind Flüchtlinge aufgerufen, „ihr Leben durch die Teilnahme an deutscher Demokratie selbst in die Hand zu nehmen“. So heißt es in der Einladung zum ausschließlich auf Arabisch und Englisch abgehaltenen Workshop. „Es ist egal, ob die Menschen später zurück in ihre Heimat gehen oder hier bleiben, Demokratieverständnis ist in jedem Fall eine Bereicherung“, betont Hussein Ghrer.

Demokratie ist das Schlüsselwort für die Inhalte des Projektes. Bei diesem Begriff schließt sich der Kreis zum Referat über Syrien, in dessen Verlauf Ghrer einen Satz sagte, der nachwirkt: „Die Menschen lassen sich lieber weiter bombardieren, als dass sie die kleinen demokratischen Errungenschaften, die in manchen Orten tatsächlich installiert werden konnten, für eine politische Lösung wieder hergeben.“

Von Anke Schlicht