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Celle Stadt Politische Lieder gegen Rassismus
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Politische Lieder gegen Rassismus
18:33 02.11.2010
Rockten eine Stunde lang mit aufrüttelnden Texten die Bühne in der Alten Exerzierhalle: Esther Bejarano (Zweite von links) mit ihren Kindern Edna (rechts) und Jorim (links) sowie Kutlu Yurtseven. Quelle: Rolf-Dieter Diehl
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Es war mucksmäuschenstill in der Alten Exerzierhalle, als Esther Bejarano aus ihrer Biografie vorlas. Die vor knapp 86 Jahren geborene Halbjüdin, eine der letzten Überlebenden des Mädchenorchesters von Ausschwitz, verdeutlichte den rund 250 Zuhörern, wie „die höllischen Ereignisse“ in den Konzentrationslagern Birkenau und Ravensbrück sich genauso in ihre Seele eingebrannt haben wie die Häftlingsnummer 41948 in ihr Handgelenk. „Die Untaten von gestern verlangen Taten von heute“ sagte sie. Und mit dem nachfolgenden Konzert „Per la vita – Für das Leben“ zeigte die in Hamburg lebende Musikerin eindrucksvoll und ausdrucksstark, wie ernst es ihr damit ist.

Gemeinsam mit ihren Kindern Joram und Edna sowie dem Kölner Rapper Kutlu Yurtseven von der „Microphone Mafia“ war sie auf Einladung des „Forums gegen Gewalt und Rechtsextremismus“ nach Celle gekommen. Und sie kam auch beim Publikum an: Der bewegende Gesang der Bejaranos untermalte in anrührender Weise die von Yurtseven mit stampfenden Rap-Rhythmen vorgetragenen politischen Texte gegen Rassismus und Ausgrenzung, Intoleranz und Ausbeutung, Gewalt und Krieg: „Wir müssen von Seele und Herz eine Schneise direkt zum Hirn schlagen“, forderte der „Rapper mit Migrationshintergrund“.

Von Partisanen- und Arbeiterliedern des antifaschistischen Widerstands über Textvertonungen von Bertolt Brecht bis hin zu jiddischen Liedern aus Ghettos und Konzentrationslagern reichte das Repertoire, mit dem die vier Musiker eine Stunde lang die Bühne rockten. Buchstäblich aufrüttelnd mischte das Quartett auf der Bühne Hip-Hop-Beatz mit jiddischer Folklore. Die unglaublich bruchlose Art und Weise, in der diese völlig unterschiedlichen musikalischen Stilrichtungen miteinander harmonierten, unterstrich die gemeinsame Sehnsucht nach Frieden und Menschlichkeit und den Schmerz über Hass und Kriege. „Leben ist da, wo Kinder spielen“, riefen die Musiker in hämmerndem Rap den Zuhörern zu. Und am Ende intonierten sie gemeinsam mit dem stehend applaudierenden Publikum das kultige „Viva la verita“ mit seinem fast schon poppigen Refrain. Ein überaus gelungener Appell.

Von Rolf-Dieter Diehl