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Celle Stadt Premiere in der Kleinen Residenzhalle: „Das wilde Fest“ von Joseph Moncure March
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Premiere in der Kleinen Residenzhalle: „Das wilde Fest“ von Joseph Moncure March
20:42 03.11.2010
„Das wilde Fest“ mit Ulrich Jokiel (im Hintergrund Stefanie Lanius) feiert morgen Premiere in der Kleinen Residenzhalle. Quelle: Quast
Celle Stadt

Ein Gedicht als Theaterinszenierung – kann das gut gehen? Das Schlosstheater nimmt die Herausforderung jedenfalls an und präsentiert morgen um 20 Uhr in der Kleinen Residenzhalle die Premiere von Joseph Moncure Marchs „Das wilde Fest“.

Eine Zeitreise zurück in die „Roaring Twenties“: Die Tänzerin Queenie und ihr aktueller Liebhaber Burrs schmeißen eine Party. Jede Menge Halbweltfiguren finden sich ein, der Alkohol fließt, Prohibition hin oder her, in Strömen. Sex liegt in der Luft, wobei die Objekte der Begierde schon mal wechseln, und allein deshalb kann Gewalt kaum ausbleiben. Und über allem schwebt ständig der Sound des „Jazz-Age“. „Es ließ sich bloß mit ein bisschen Spaß besser leben als ohne“, lautet eine Textstelle: klassischer Fall von „gelinder Untertreibung“.

Als das heftige Langgedicht 1928 erstmals herauskam, verschwand es denn auch recht bald für Jahrzehnte in der Versenkung. Allerdings soll niemand Geringerer als William S. Burroughs, der Papst der Underground-Literatur, gesagt haben, durch „Das wilde Fest“ sei er auf den Gedanken gekommen, selbst Dichter zu werden. Und spätestens seit der 1994er Adaption durch Comickünstler Art Spiegelman ist der Text wieder salonfähiger geworden.

Alles schön und gut – aber wie bringt man ihn denn nun auf die Theaterbühne? „Die Besucher sehen die Szenerie am Morgen nach der Party“, erläutert Regisseur Lars Wernecke. „Da sind dann drei Schnapsleichen auf der Bühne, die nach und nach anfangen, die Ereignisse der vergangenen Nacht zu erzählen.“ Durch diesen Ansatz, der ja eine gewisse Distanz mit sich bringt, muss das Publikum nicht befürchten, dass es tatsächlich gar zu wild zugeht: „Das ist schon vorwiegend ein poetischer Abend“, sagt Wernecke. „Aber vor allem der Schluss der Geschichte ist eben hart. Und natürlich schlüpfen die Akteure beim Erzählen schon mal in die jeweiligen Rollen.“

„Wie das eben so ist, wenn man von einer Person spricht“, sekundiert Darsteller Ingo Brosch. „Da fängt man schnell fast unwillkürlich an, sie zu imitieren.“ Brosch macht kein Hehl daraus, dass der Text ihn beim ersten Lesen nicht wirklich angesprungen hat: „Weil ich es gewohnt bin, mich auf eine bestimmte Figur zu konzentrieren, einem konkreten Charakter nachzuspüren. Diese Inszenierung funktioniert ganz anders.“ Und genau dieser andere Zugriff ist für Brosch inzwischen zum besonderen Faszinosum der Arbeit geworden.

Ihm zur Seite stehen Stefanie Lanius und Ulrich Jokiel, der nicht nur die musikalische Leitung hat und Klavier spielt, sondern sich auch szenisch betätigen soll. Die Musik hat hier indes einen großen Stellenwert: Zu hören gibt’s sowohl Hits wie „I Got Rhythm“ als auch unbekanntere Titel wie „Diga Diga Doo“, sogar eine Eigenkomposition von Jokiel findet sich im Programm.

Man darf gespannt sein auf diese anderthalb Stunden und auch darauf, ob sich das Vorhaben von Regisseur Wernecke einlöst: „Das Fest soll in den Köpfen der Besucher entstehen.“

Von Jörg Worat