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Celle Stadt Premiere von "Hiob" in Celle: Historische Fluchtgeschichte als Kommentar zur Gegenwart
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Premiere von "Hiob" in Celle: Historische Fluchtgeschichte als Kommentar zur Gegenwart
17:14 20.01.2017
Johann Schibli spielt in „Hiob“ die Rolle des „Mendel“. Quelle: Sarah Pertermann
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Sie kommt aus einer Familie, in der es Tradition war, dass man an die inzwischen unrühmlich bekannt gewordene Odenwald-Schule geschickt wurde, weil die Eltern ihren Kindern eine besonders gute Erziehung zukommen lassen wollten. Und Koppenhöfer redet nur positiv von dieser Schulzeit und der Erziehung dort, die es ihr bis heute ermöglicht, als freier und selbstbestimmter Mensch durchs Leben zu gehen. Zu Hause ist die diplomierte Psychologin einerseits in Wien, aber wohl noch mehr in der Welt des Theaters. Und ganz am Rande: Sie hat vor kurzem zeitweise für eine Nichtregierungsorganisation in der Flüchtlingshilfe gearbeitet.

Zum ersten Mal als Regisseurin auf sich aufmerksam gemacht hat Koppenhöfer, als sie den baden-württembergischen Theaterpreis bekam für eine Inszenierung des umstrittenen österreichischen Naturalisten Karl Schönherr, dessen „Kindertragödie“. Überhaupt ist sie eine Anhängerin der Autoren des dramatischen Naturalismus wie Tschechow, Hauptmann oder Ibsen. Es kommt also nicht von ungefähr, dass sie in den letzten Jahren unter anderem zwei Ibsen-Stücke inszeniert hat. Und auch ihre erste Celler Produktion kann durchaus in der zeitgenössischen Nachfolge dieses Stils gesehen werden, denn sie inszenierte ja sehr erfolgreich das Felix Mitterer-Stück „Der Boxer“ am Schlosstheater. Koppenhöfers Sympathie für den szenischen Naturalismus sollte aber nicht zu der Vermutung veranlassen, dass sie deshalb auf der Bühne naturalistische Räume würde haben wollen. „Hiob spielt ja an zwei Orten. Diese werden aber nicht irgendwie abgebildet, sondern in abstrakte Räume gefasst. Lediglich durch die Kostüme werden die Handlungsorte und Zeiten konkreter.“

Roths 1930 erschienener Roman beschreibt das von Schicksalsschlägen geprägte Leben des Juden Mendel Singer im (fiktiven) Schtetl Zuchnow im zaristischen Russland und im folgenden amerikanischen Exil in der Zeit von 1900 bis nach dem Ersten Weltkrieg. Es handelt sich also um eine heute mehr denn je aktuelle Fluchtgeschichte, die Roth an die biblische Geschichte von Hiob anlehnt. Wie Hiob scheint auch Mendel Singer alles zu verlieren und angesichts der Härte der „Strafe“ an Gott zu verzweifeln. Dass genau dies in der in Celle verwendeten, viel gespielten Theaterfassung von Koen Tachelet nicht thematisiert wird, das ist für die Regisseurin sehr irritierend: „Natürlich wird man sich seinerzeit was dabei gedacht haben, vielleicht war diese Thematik in der Uraufführung dieser Fassung auch durch die Inszenierung selbstverständlich präsent, aber mir fehlt da etwas. Und deshalb habe ich diesbezüglich auch einige Sätze aus dem Roman noch in unsere Theaterfassung integriert.“ Man darf gespannt sein, wie der Celler „Hiob“ bei der Premiere am 3. Februar auf die Bühne kommen wird.

Von Reinald Hanke