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Celle Stadt „Prison-Slam“: Häftlinge präsentieren bewegende Texte in Celler Gefängnis
Celle Aus der Stadt Celle Stadt „Prison-Slam“: Häftlinge präsentieren bewegende Texte in Celler Gefängnis
22:00 01.01.2017
Entgegen den Absprachen überreichen die „Prison Slammer“ (am Mikro „Dark One“) und diejenigen aufseiten der JVA-Verantwortlichen jeweils einen Weihnachtsstern als Dank an Workshop-Leiterin und Moderatorin Jessy James LaFleur. Quelle: Peter Bierschwale
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Männliche Gefangene profilieren sich höchstens in Ausnahmefällen als „Dichter“, aber offensichtlich stecken in ihnen unentdeckte Talente, die gefördert werden können. Die gelang LaFleur beeindruckend mit dem Ergebnis des Workshops, den sie mit Unterstützung der Anstaltsleitung gut drei Monate lang wöchentlich mit fünf potenziellen Slammern durchgeführt hatte.

Wie man aber hörte, hatte das Schreiben von Texten gar nicht so sehr das Problem gebildet, sondern eher der Kampf gegen das Lampenfieber. Prison-Slammer „Dark One“ formulierte das vor seinem Auftritt so: „Zum Schreiben hatte ich schon immer eine gute Beziehung, aber mit dem Auftritt habe ich Probleme.“ Da war er nicht der einzige, und so bestand im Vorfeld die Hauptaufgabe der Veranstalter, die Aufregung in Grenzen zu halten.

Jessy LaFleur hatte „Begleitschutz“ für die fünf Neu-Slammer organisiert, indem sie den Celler Matti Linke und die Bremerin Lippi Punkstrumpf eingeladen hatte, beide bestens in der Celler Poetry-Szene bekannt. Die sollten einen Orientierungsrahmen geben und außerdem etwas die Nervosität herausnehmen.

Matti Linke begann sogleich damit und „opferte“ sich für den äußert unbeliebten ersten Vortrag mit einem bewegenden Text über einen drogenabhängigen Freund, „der den Kampf gegen sich verloren hat“. Das passte natürlich gut zum Auftrittsort. „Dark One“ war das Lampenfieber deutlich anzumerken, aber letztlich kämpfte er sich souverän durch seinen Text über „Meine erste Liebe“ – die Musik.

Lippi Punkstrumpf glänzte mit einem lustigen „Süßigkeiten-Text“, in dem sie ein „Duplo“ auf den „Milky Way“ schickte und neue Sportarten in die Welt setzte: „Prinzenrolle“ und „Rittersport“. Dafür erhielt sie mit 40 Punkten die Höchstwertung. Die erhielt aber mit „Double M.“ auch einer der Neuen für den melancholischen Text „Müde vom Leben“: Jemand ist einsam und stellt sich auf die Bahngleise – Ende offen.

Fairerweise traten Linke und Punkstrumpf nicht im Finale an und überließen die Bühne ihren neuen Poetry-Kollegen. Markus, Double M. und Timo schlugen sich dann wacker mit ihren zweiten, fast weihnachtlich-besinnlichen Texten, und die Bewertung des Publikums per Applaus brachte keinen eindeutigen Sieger hervor. Das erzeugte ja vielleicht etwas Motivation, als Slammer weiterzumachen.

Von Peter Bierschwale