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Celle Stadt Protest: Vor 25 Jahren verhinderten Bürger Panzertrassen im Allertal
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Protest: Vor 25 Jahren verhinderten Bürger Panzertrassen im Allertal
11:58 07.02.2015
Von Simon Ziegler
Björn Gehrs übergibt Landtagspräsident Edzard Blanke 6214 Unterschriften.  Quelle: Hans-Jürgen Galisch (Archiv)
Celle Stadt

Am 5. Februar 1990, also fast auf den Tag genau vor 25 Jahren, platzte die Gaststätte "Unter den Linden" in Jeversen aus allen Nähten. Rund 70 Bürger waren in den Wietzer Ortsteil gekommen. Was die Menschen auf die Barrikaden trieb, war der geplante Bau von Panzertrassen.

Kurz nach dem Ende des Kalten Krieges, als die Zeichen in Mitteleuropa auf Entspannung standen, begann im Landkreis Celle ein ganz besonderes „Manöver“: Die Bundeswehr wollte zwischen Winsen und Verden sechs Übergänge mit sieben Meter breiten befestigten Zufahrtsstraßen auf beiden Seiten der Aller bauen. Zwei dieser Panzertrassen waren bei Jeversen und bei Winsen geplant, die übrigen in den Nachbarlandkreisen Soltau-Fallingbostel und Verden. Ziel des Ganzen: Die Bundeswehr wollte in der Aller das Überqueren von Flüssen üben. Bekannt wurden die Pläne Mitte Januar 1990, also gut acht Wochen nach dem Ende der Teilung Deutschlands.

An die Spitze der Bewegung setzte sich ein junger Mann aus der Gemeinde Buchholz (Aller): der damals 21 Jahre alte Björn Gehrs. Er ging in Celle zur Schule und war Sprecher des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND). Gehrs hatte sich das Ziel gesetzt, den Bau der Panzertrassen zu verhindern. Er organisierte Proteste und Diskussionsveranstaltungen in verschiedenen Orten des Allertales. „Diese Panzertrassen sind eine Provokation sowohl für Naturschützer als auch für jeden friedensbewegten Menschen. Historisch ist das völlig überholtes Zeug“, heißt es am 5. Februar 1990 in Jeversen.

Gehrs und seine Mitstreiter hatten Erfolg. In Niedersachsen fanden wenige Monate später Landtagswahlen statt. Sowohl Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) als auch sein SPD-Herausforderer Gerhard Schröder erklärten schließlich, dass sie den Bau der Panzertrassen im Allertal für überflüssig halten. Albrecht kündigte an, in Bonn mit Bundesverteidigungsminister Gerhard Stoltenberg (CDU) persönlich über das Problem zu reden. Ende April waren die Pläne endgültig vom Tisch. Gehrs überreichte Landtagspräsident Edzard Blanke, dem Juristen aus Celle, am 24. April eine Mappe. 6214 Menschen hatten gegen die Panzertrassen unterschrieben.

Gehrs arbeitete später als Diplom-Verwaltungswirt bei der Stadt Celle, heute ist der Sozialdemokrat Samtgemeindebürgermeister von Schwarmstedt. Die Erhaltung der Natur liegt ihm noch immer am Herzen. Wie viele andere stört ihn, dass die Suedlink-Trasse, die Windstrom von Schleswig-Holstein nach Bayern transportieren soll, durch das Aller-Leine-Tal gebaut werden könnte. „Gemeinsam ist die Sorge, dass ein Stück Natur zerstört werden könnte“, sagt er über die Proteste anno 1990 und heute. Und auch der Widerstand gegen die Y-Trasse weise in eine ähnliche Richtung. Dass Bürger Großprojekte hinterfragen und dagegen auf die Straße gehen, das ist geblieben.

Gleichwohl weiß auch Gehrs, dass die Unterschiede frappierend sind. Damals wehrten sich Bürger gegen Militärpläne, die nicht mehr in die Zeit passten, heute geht es um Ökostrom. Damals gab es kein Internet, Aufrufe wurden auf der Schreibmaschine verfasst. 1990 gingen viele junge Menschen auf die Straße, heute sind es oft die älteren Bürger, die sich engagieren, findet der Sozialdemokrat. Der vielleicht größte Unterschied ist für den Schwarmstedter Verwaltungschef aber ein anderer: „Damals hat gemeinsames Handeln über Kreisgrenzen hinweg zum Erfolg geführt.“ Bei der Suedlink-Debatte würden die Kreise und Kommunen oft nur auf den eigenen Vorteil achten. Hauptsache, die Trasse wird nicht vor der eigenen Haustür gebaut. So hatte der Celler Kreistag eine Resolution verabschiedet, dass die Trasse an die A7 in den Heidekreis verlegt werden soll. Das kam in Schwarmstedt gar nicht gut an. Die beiden Landkreise hatten sich überhaupt nicht miteinander abgestimmt.