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Celle Stadt Pyrotechniker aus Celle: "Funke kann immer überspringen"
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Pyrotechniker aus Celle: "Funke kann immer überspringen"
12:14 13.07.2017
Von Dagny Siebke
Celle Stadt

Irgendwo im Wald an einem abgeschiedenen Bunker. Dort lagert Keven Becker eine Tonne Feuerwerkskörper. Der 34-Jährige ist seit 15 Jahren begeisterter Pyrotechniker. Am morgigen Freitag- und am Dienstagabend wird der Bosteler das große Höhenfeuerwerk des Celler Schützenfestes zünden. „Die Leute sehen zehn Minuten Spektakel am Himmel und denken, das ist schnell verdientes Geld. Doch dahinter steckt eine Menge Arbeit“, betont Becker.

Wochen vorher sucht er einen passenden Platz zum Abschuss, berechnet Sicherheitsabstände, wälzt Lagepläne für das Schützenfest und holt Genehmigungen der Stadtverwaltung, der Feuerwehr und des Landes ein. Mit vier Helfern baut er drei Stunden auf und drei Stunden wieder ab. Auch für die Choreografie am Himmel investiert Keven Becker viel Zeit. 3000 verschiedene Effekte hat er im Kopf. „Ich zünde kein Feuerwerk doppelt, denn für mich ist es Kunst und kein normaler Beruf“, so der leidenschaftliche Pyrotechniker. „Wenn ich es für Geld machen würde, sähe es auch so aus.“

Für den internationalen Feuerwerkswettbewerb in den Herrenhäuser Gärten war Keven Becker schon mal zwei Monate damit beschäftigt, die Choreografie zu schreiben und 400 Mal das gleiche Lied zu hören. „Musik vereinfacht das Komponieren. Wenn man eine Pause hat, läuft die Musik einfach weiter“, erzählt er. Bei Hochzeiten wählen Paare ein bestimmtes Lied dazu aus. Beliebt ist „What a wonderful world“ oder „Engel“ von Johannes Oerding. Doch bei neueren Popsongs fehlen dem Pyrotechniker die Höhen und Tiefen für die Spannung. Da ist es beim „Fluch der Karibik“, klassischen Stücken oder Rocksongs von ACDC schon einfacher. Je länger das Lied, um so mehr Steigerung muss er einbauen. Oft bringen die Paare Sonderwünsche mit. „Das erfordert schon viel Übung, acht Minuten lang nur silberne oder rote Effekte einzubauen“, sagt Becker und lacht.

Im Finale sind700 Effekte zu sehen

Im Finale eines Höhenfeuerwerkes sind schon mal 700 Effekte zu sehen. Bomben sind die wichtigste Zutat dafür. Die „schönen, großen Raketen“, die oft bei Feuerwerken zu Volksfesten bewundert werden, sind tatsächlich sogenannte Kugelbomben. Wie bei einer Kanone wird hier die Bombe mittels einer Schwarzpulver-Treibladung aus einem Rohr aus Glasfaser verstärktem Epoxidharz abgeschossen. Während die Bombe aufsteigt, brennt gleichzeitig eine spezielle Zündschnur ins Innere und löst dort die Zerlegerladung aus, die wiederum den eigentlichen Effekt zündet und für dessen Ausbreitung sorgt.

Ob die Smileys, Schlangen oder Quallen das Publikum zum Lachen bringen, kann Keven Becker nur aus der Ferne beobachten. „Im Idealfall höre ich die Leute jubeln, aber leider sehe ich die Emotionen in den Gesichtern nicht“, erzählt er. Daher findet er kleine Feiern oft herzlicher als große Volksfeste. Der Pyrotechniker muss seine Abschlussrohre und Cakeboxen im Blick behalten. Per Fernsteuerung zündet er jede Bombe einzeln und lässt unter schlechten Bedingungen schon mal eine aus. „Ich plane immer Reserve ein. Wenn der Wind schlecht steht, schieße ich bestimmte Bomben nicht“, erläutert Becker. Zudem muss er immer den Luftdruck kontrollieren und schauen, dass keine Personen im Abschussbereich stehen.

Für jeden Effekt muss er die Steig- sowie die Stehzeit und den Winkel berechnen. „Oft werde ich gefragt, ob ich nicht mal was richtig Großes schießen kann, doch das ist mir einfach zu gefährlich. Es kann immer ein Funke überspringen.“ Und dann ist der Pyrotechniker dran. Zur Sicherheit ist er bis zu 20 Millionen Euro Sachschaden und bis zu 20 Millionen Euro Personenschaden versichert. „Weltkulturerbe muss noch einmal extra bis zu 20 Millionen Euro versichert werden“, sagt der gebürtige Quedlinburger.

Schon als Kind lief Becker zu Silvester zur Hochform auf. „Ich wollte nicht nur herumknallen, sondern habe geschaut, wie man die Raketen miteinander verbinden kann.“ Den großen Knall stellt Becker auch für Film und Fernsehen nach. Doch das findet er nicht so spannend. „Man sitzt stundenlang da, um einmal aufs Knöpfchen zu drücken. Und muss am Ende wieder von vorne anfangen“, erzählt er. So hat er schon Wohnmobilbrände und Gasexplosionen simuliert. Oder auch die Bühnenpyro für Florian Silbereisen und Feuerengel organisiert.

Um als Pyrotechniker von seinem Beruf leben zu können, müsse man weltweit unterwegs sein, so Becker. Vier Jahre lang war er das, auch in Dubai oder in Mailand bei der Modemesse. Doch der Familie wegen ist er nun nebenberuflich selbstständiger Pyrotechniker. Damals habe er schließlich nur wenig von der Welt gesehen, sagt er. „Ich war so viel mit Auf- und Abbauen beschäftigt.“