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Celle Stadt Rad verleiht Migrantinnen in Celle Unabhängigkeit
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Rad verleiht Migrantinnen in Celle Unabhängigkeit
17:28 01.09.2017
Von Dagny Siebke
Quelle: Fremdfotos/eingesandt
Celle Stadt

NEUENHÄUSEN. Ingrid Dollinger kann sich noch genau erinnern, wie sie das Radfahren gelernt hat. Auf einem Bauernhof in Bergen haben ein paar Jungen Fahren geübt und fragten sie: „Willste auch mal?“ Erst haben die Kinder sie noch am Sattel festgehalten, dann versuchte es Dollinger alleine. „In der Nachkriegszeit war an ein eigenes Fahrrad nicht zu denken“, erzählt die heute 76-Jährige. Doch damals erlaubte der Vater ihr, das Fahrrad der Lehrlinge für Botengänge zu benutzen. „Ich durfte es nur ab 18 Uhr und an den Wochenenden fahren.“ Kurze Zeit später brachte Dollinger auch den Nachbarskindern das Radfahren bei. „Das Radfahren hat mich von Anfang an fasziniert“, betont die Vorsitzende des ADFC-Kreisverbandes Celle.

Seit den 1980er Jahren versucht der ADFC, Radfahrern das Leben in Celle leichter zu machen. „Es könnte hier noch mehr passieren. Wir Radfahrer fühlen uns nicht so richtig ernst genommen“, so Dollinger.

Im Jahr 2000 begleitete Dollinger einen Fahrrad-Kursus in Hannover, bei dem Erwachsene das Radfahren lernten. „Ich fand es beeindruckend, wie eifrig die Teilnehmer dabei waren. Schon nach dem ersten Tag waren sie so glücklich über ihre Fortschritte“, sagt sie. Danach bot sie auch in Celle Fahrradkurse an. „Es reicht nicht, zu sagen: ‚Setz dich drauf, ich halte hinten fest.‘ Die Erwachsenen haben oft so viele gescheiterte Versuche hinter sich, dass sie erst einmal Angst haben.“

Für die ersten Runden ihrer Schützlinge hat Dollinger die Pedale an den Fahrrädern entfernt. „Mit einem Laufrad bekommt man schneller ein Gefühl fürs Fahren. Man lernt es schneller als mit Stützrädern“, erklärt sie. Warum Erwachsene nicht richtig Rad fahren können, habe unterschiedliche Gründe, so Dollinger. „Manche Eltern haben ihren Kindern verboten, Rad zu fahren, weil es in der Großstadt zu gefährlich sei. Andere haben schlechte Erfahrungen beim Lernen gemacht und sind prompt gegen einen Zaun gefahren“, erläutert Dollinger. In vielen muslimischen Ländern ist es nicht üblich, dass Frauen Rad fahren. Deswegen haben viele Migrantinnen bei Dollinger Rad fahren gelernt. „Mit dem Fahrrad sind sie unabhängiger und können mit ihren Kindern mal schnell zum Arzt oder zum Supermarkt.“

Wichtig ist es, dass die Teilnehmer Deutsch verstehen. „Beim Radfahren kann man nicht alles zeigen, man muss den Leuten Mut zureden“, betont Dollinger. Schließlich sind Kinder viel unbedarfter als Erwachsene. Die Kurse dauern sechs Tage, danach ist das tägliche Üben wichtig. Dollinger empfiehlt: „Jeden Tag 15 Minuten üben. Wer zwei oder drei Tage nicht dranbleibt, verlernt das Radfahren wieder.“