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Celle Stadt Ralph Flecks Stadtveduten lösen sich bei Annäherung in Furchen und Farbnasen auf
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Ralph Flecks Stadtveduten lösen sich bei Annäherung in Furchen und Farbnasen auf
14:00 15.09.2016
Kuratorin Julia Otto zeigt auf den Teil des Ölgemäldes„Stadt in Sicht“ von Ralph Fleck, der im kleinen Foto als Ausschnittvergrößerung zu sehen ist. Quelle: Michael Schäfer
Celle Stadt

In Fleck erwächst zunächst eine Bildidee, zu der er dann in der Realität akribisch nach einem Äquivalent sucht. Dazu sammelt er alle verfügbaren fotografischen Eindrücke, doch die Fotovorlagen dienen ihm allenfalls als Arbeitsskizzen. Beim Malen verliere er das fotografische Objekt aus den Augen, und er wende sich peu à peu den malerischen Strukturen und Rhythmen zu, erläutert Kuratorin Julia Otto im Gespräch mit der CZ.

Ob Madrid, Nizza oder Genua – Fleck lasse die Betrachter seiner Bilder das Phänomen „Stadt“ mal in Frontalkonfrontation erleben, mal schwebe man mit ihm in Vogelperspektive über die Dächer. „Aus der Entfernung konkretisiert sich das Motiv“, veranschaulicht Otto, „aber je näher man dem Bild kommt, desto mehr zerfällt der Bildgegenstand.“ Ein Dach, ein Balkon, ein Baum, ein parkendes Auto werden zu einem flirrenden Spiel in einer emotions- und spannungsgeladenen Farblandschaft.

Der – aus der Ferne betrachtet – hohe Realitätsgrad der Gemälde mache neugierig, ergänzt Daphne Mattner, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Kunstmuseums: Zwar animieren die Bilder den Betrachter, in den Straßenschluchten nach Passanten zu suchen, in die geöffneten Fenster zu spähen oder zu prüfen, ob sich jemand auf den Dachterrassen sonnt. „Doch je mehr man sich der Leinwand nähert, desto mehr verschwimmt die Stadtkulisse, und die Architektur löst sich auf in einzelne Rillen, Furchen und spitze Farbnasen.“

In der Tat: Alles Konkrete verschwimnmt zu abstrakten Farbspuren. Das (realistische) Straßenbild erweist sich lediglich als Gerüst, die pulsierende Lebendigkeit findet man statt dessen in den Farbwerten. Mit Bedacht. „Der Betrachter wird nicht zum Verweilen eingeladen“, zitiert Otto den Künstler. Im Gegenteil. Beim Versuch, sich anzunähern, werde der Betrachter durch die pastose Farbstruktur auf Distanz gehalten. Denn mit jedem weiteren Schritt auf das Bild zu werde die Illusion des Vertrauten durch Flecks malerische Eigenwelt zunehmend zerstört. „Je nach Abstand zum Bild wechselt die Malerei ihren Charakter“, veranschaulicht Otto. Im lebendig flirrenden Wechselspiel zwischen Farben und Motiven offenbare sich Verwandtes, Verborgenes und Neues, und damit immer wieder eine andere Sicht auf Landschaft, Stadt und Malerei. Nicht von ungefähr habe Fleck in der Kunstszene den Spitznamen „Malschwein“, verrät Otto lächelnd, bezogen auf „die sinnliche Tiefe seiner Malerei, die förmlich dazu einlädt, sich mit den Augen hineinzuwühlen“.

Von Rolf-Dieter Diehl