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Celle Stadt Reptilien im Celler Tierheim: Erst geliebt, dann ausgesetzt
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Reptilien im Celler Tierheim: Erst geliebt, dann ausgesetzt
21:32 02.07.2014
Cham leon Quelle: Benjamin Westhoff
Celle Stadt

Stellen Sie sich vor, Sie fahren zum Supermarkt Ihres Vertrauens. Das Auto wird geparkt, schnell ein Einkaufswagen geholt und ab in den Laden. Doch als Sie die Tür passieren wollen, schlängelt direkt vor Ihnen eine giftgrüne Schlange von den Schnittblumen rüber zur Holzkohle. Andere Kunden haben das Tier auch gesehen und rufen die Polizei. Doch da auch die Beamten den exotischen „Störenfried“ nicht selbst „verhaften“ können, alarmieren die Ordnungshüter den Reptilien-Experten Roman Thönies. Der Leiter des Celler Tierheims macht dann, nachdem er sich über den Sachverhalt hat aufklären lassen, immer die gleiche Ansage: „Vorsicht, fasst das Tier bloß nicht an, ich komme vorbei.“

Zwischen 30 und 50 Reptilien landen im Schnitt pro Jahr in den Terrarien des Tierheims - 90 Prozent dieser Neuankömmlinge bringt Thönies von seinen Einsätzen aus der Stadt und dem Landkreis mit, Tendenz steigend. „Den vom Tierschutzbund ermittelten Trend kann ich absolut bestätigen. Es wird von Jahr zu Jahr einfach immer mehr“, hat der 55-Jährige beobachtet.

Doch nicht nur die Zahl der Fälle steigt. Ob Schnappschildkröten, Chameleons, Leguane, Bartagamen, Varane, Schlangen, Skorpione oder gar Krokodile: Auch die Vielfalt der exotischen Tiere, die eigentlich weitab von Celle ihre natürlich Heimat haben, schnellt in die Höhe. Und damit auch die Gefahr, dass aufgrund privater Kreuzungen auch zunehmend giftige Tiere darunter sind, die man nicht gleich als solche identifizieren könne, so Thönies, der nicht dramatisieren, aber die Probleme offen ansprechen will: „Eine Rettung kann für mich oder jemanden aus der Bevölkerung auch schon mal tödlich enden, wenn man nicht weiß, was für ein Tier es genau ist und ob das passende Serum vor Ort verfügbar ist.“

Eine Unterbringung der eingefangenen Reptilien im Celler Tierheim in kleinen Terrarien sei laut Thönies zwar kurzzeitig möglich, aber: „Bis zu einer gewissen Größe können wir die Tiere aufnehmen, aber irgendwann ist die Grenze erreicht. Es ist immer eine Frage der artgerechten Unterbringung.“ Und um diese zu gewährleisten, scheut der 55-Jährige keinen Weg und bringt die Tiere zügig in die Wildtier- und Artenschutzstation nach Sachsenhagen.

Aufgrund seiner Erfahrungen zieht Thönies ein drastisches Fazit: „Die meisten Leute halten ihre Tiere ohne Sinn und Verstand und betrachten sie als Gegenstand, von dem man sich je nach Bedarf trennen kann.“ Thomas Schröder, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes, fordert eine starke Reglementierung privater Reptilien-Haltung: „So genannte Exoten gehören nicht in private Hand, dort können sie oftmals nicht artgerecht gehalten werden, viele sind mit den Tieren überfordert.“ Häufig würden die Halter nämlich die Kosten, den Pflegeaufwand, das Lebensalter und die Endgröße der Tiere unterschätzen. Gleichzeitig sei es auf Tierbörsen, durch Kleinanzeigen im Internet sowie durch „Schwarz-Verkäufe“ immer noch viel zu leicht, an die anspruchsvollen „Haustiere“ heranzukommen. Schröder: „Die Beliebtheit der Reptilien wird ihnen zum Verhängnis“.

Von Kai Knoche