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Celle Stadt Rollentausch beim „Jagdquartett“
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Rollentausch beim „Jagdquartett“
13:12 20.10.2016
Das Leipziger Streichquartett begeisterte bei seinem Auftritt im Schlosstheater: (von links) Conrad Muck (1. Violine), Tilman Büning (2. Violine), Matthias Moosdorf (Violoncello) und Ivo Bauer (Viola). Quelle: Alex Sorokin
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Straffe Tempi sorgten für klare Proportionen. Und bei aller vitalen, berauschenden Klangschönheit kam auch die kühle, strenge Seite der Komposition nicht zu kurz. Zur erlesenen Balance traten Konturenschärfe, Farbenpracht und ungemein sublime Differenzierungskunst. Das alles mit innerer Gelöstheit und einem berückenden Wohlklang. Dazu – etwa im „Allegro assai“ – diese ungemein klangfüllig-kraftvolle Art des Musizierens. Schöner kann Quartettspiel kaum klingen.

Doch während bei Mozarts „Jagdquartett“ – hofgesellschaftlich gesehen – in doppelter Hinsicht noch alles harmonisch ablief, wurden beim nachfolgenden „Jagdquartett“ des zeitgenössischen Komponisten Jörg Widmann die Perspektiven gewechselt und die Rollen vertauscht. Da drehten die Tiere in einer mitreißenden Parodie den sprichwörtlichen Spieß um, wurden selbst zu Jägern und machten die Jäger zu Gejagten. Und wie! Da zerriss die Haut, da brachen die Knochen, da spritzte das Blut. Klangbildlich gesehen. Bis hin zum tierischen Halali wurde das Publikum Zeuge eines fantastischen experimentellen Umgangs mit neuen Ausdrucksgesten, eines quasi impressionistischen Erkundens neuer Klangbilder. Es war fantastisch, zu erleben, wie souverän und mutig sich die Interpreten abseits gewohnter instrumentaler Pfade auf eine Musik einließen, die sich vom klassischen Klangideal der Streichinstrumente sehr, sehr weit entfernt hat. Ein mitreißendes Wechselspiel von abstrakt freitonalen Kompositionen und rhythmisch aufgeweckten Arrangements mit neo-klassizistischen Elementen, dargeboten mit großer Kraft und einer Dynamik, deren Intensität der virtuosen Extravaganz der Leipziger zugute kam. Viel Stoff für die Pausengespräche, bevor mit dem a-Moll-Streichquartett (op. 51/2) von Brahms wieder die traditionellen kammermusikalischen Hörgewohnheiten bedient wurden. Vor allem die leisen introvertierten Töne des „Andante moderato“ boten einen lyrisch empfindsamen Kontrast zur zuvor erlebten expressiven „Neuen Musik“, zumal auch Brahms’ Hang zur Schwermut mit hineininterpretiert wurde, ohne jedoch diese illustre emotionale Schwelgerei mit düsterem Pathos zu überladen. Pointenreich wiederum die Wechsel an dynamischer Bewegtheit im „Allegretto vivace“. Und auch das Finale mit seinem „dolce“-Seitenthema und den akkordischen Höhepunkten wusste Kopf, Herz und Gemüt des Publikums auf einnehmende Weise anzusprechen. Wie gesagt: Schöner kann Quartettspiel kaum klingen.

Von Rolf-Dieter Diehl