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Celle Stadt Scherbenberg zwischen Celle und Hannover
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Scherbenberg zwischen Celle und Hannover
18:05 15.11.2010
Von Michael Ende
Celle Stadt

CELLE. Untätig seien sie – und sie hätten als Nicht-Celler auch wenig Ahnung von Celles Problemen. Im Streit um strukturpolitische Nachteile für die Stadt Celle schlägt Oberbürgermeister Dirk-Ulrich Mende (SPD) gegenüber den heimischen CDU-Landtagsabgeordneten Karl-Heinrich Langspecht und Thomas Adasch jetzt einen Ton an, den der Bockelskämper und der Hambührener von einem Celler OB so nicht kennen. Kritik an ihm selbst sei „völlig fehl am Platz“, schreibt Mende den beiden jetzt in einem Brief: „Sie sollte sich stärker gegen Ihre eigene Untätigkeit richten und dagegen, dass Sie sich nicht erkennbar für die Stadt und ihre Interessen einsetzen. Es mag vielleicht daran liegen, dass Sie selbst nicht einmal in der Stadt wohnen und vielleicht auch deshalb unsere Probleme nicht hinreichend erkennen können.“ Mende lebt mit seiner Familie seit August 2009 in Celle.

Aufgebracht hat Mende, dass man ihm seitens der Landesregierung vorhält, er verstehe nicht, dass die geplante „Y-Bahntrasse“ der Stadt Celle keine Nachteile, sondern im Gegenteil Vorteile bringen werde. Darauf lässt sich der OB nicht ein. Er wolle beim Bahnverkehr nicht den seiner Meinung nach dürftigen Status Quo erhalten, sondern Verbesserungen erreichen – zum Beispiel noch mehr ICE-Halte.

Der Umstand, dass das Land die Landesfeuerwehr-Akademie in Scheuen errichten wolle, sei ihm zuzuschreiben, so Mende, dem Langspecht und Adasch vorgehalten hatten, außer Resolutionen noch nicht viel auf den Weg gebracht zu haben. Mende: „Es liegt zentral in meiner Verantwortung, dass diese Einrichtung hierher kommen kann. Schließlich ist es die Stadt Celle, die diese wichtige Einrichtung vorzufinanzieren bereit ist.“ Der OB verbittet sich „unqualifizierte, oberflächliche und ungerechtfertigte“ Kritik. Mende bietet Adasch und Langspecht an, sie in seine Arbeit für die Stadt „intensiv einbinden“ zu wollen, wirbt um „vertrauensvolle Zusammenarbeit“ und meint: „Offenbar fehlt Ihnen der Mut, sich direkt mit mir auseinanderzusetzen.“

„Nicht nur unsachlich, sondern polemisch und wahrheitswidrig“, nennt Adasch in einem Schreiben an Mende dessen Ausführungen: „Wir bedauern ganz außerordentlich Ihren Umgangsstil und das Niveau, auf dem Sie meinen, mit uns kommunizieren zu müssen.“

Mendes „oberflächliches und substanzloses“ Auftreten auf der landespolitischen Bühne hinterlasse in Hannover nur noch „allgemeines Kopfschütteln“, berichtet Langspecht. Mende neige dazu, sich mit fremden Federn zu schmücken, wenn es zum Beispiel um die Feuerwehr-Akademie gehe: „Die Grundlagen dafür wurden lange vor Herrn Mendes Amstantritt in jahrelanger Arbeit in Hannover geschaffen und die letzten Weichen dafür gestellt, als sich die Innenpolitiker von CDU und FDP im Frühjahr 2010 auf unsere Einladung hin in Scheuen trafen.“ Langspecht führt eigene Erfolge an, mit denen Mende herzlich wenig zu tun habe: „Sanierung von Schloss und Landgestüt, Erhalt und Ausbau der Landesschulbehörde, Zuschlag zum Tag der Niedersachsen, Mehr Personal für die Polizei und Modernisierung der Wache, neues Finanzamt, Bahnhofs-Aufzüge, Ansiedlung von Landesbehörden wie Justizprüfungsamt und Gedenkstättenstiftung, Aufnahme in Förderprogramme für Altstadt und Allerinsel, 24 Millionen Euro für AKH-Ausbau, Ostumgehung. Als Abgeordnete werden Thomas Adasch und ich in Hannover häufig von Kollegen darauf angesprochen, das immer und immer wieder Celle berücksichtigt wird, wenn es um Investitionen geht – und das nennt Herr Mende Untätigkeit?“

Anstatt anderen Vorhaltungen zu machen und zu beklagen, das Land falle Celle „in den Rücken“, solle Mende versuchen, direkt vor seiner Rathaustür tätig werden: „Wir sind jetzt zum Beispiel natürlich sehr gespannt darauf, wie der OB nach dem Scheitern der Center-Ansiedlung sein Versprechen einlöst und unsere Altstadt im landesweiten Vergleich nach vorn bringt.“

Meinung

Testosteron

Wer als Neuer in ein fremdes Revier überwechselt, der muss sich seinen Platz erkämpfen. Nichts anderes versucht Celles OB Dirk-Ulrich Mende. Doch dass er dabei gleich sämtliche „Platzhirsche“ auf einmal wegforkeln will, ist zuviel des vermeintlich Guten. Bei diesen Schaukämpfen wird zur Zeit massenhaft Testosteron ausgeschüttet. Abzusehen ist: Wenn dieses Aggressions-Hormon weiter unvermindert strömt, stehen am Ende lediglich völlig abgekämpfte, japsende Kämpfer auf einem total zertrampelten Turnierplatz. Dann hätte keiner „gewonnen“ – und gewonnen wäre nichts.

Was mit Mendes Posse um Adasch und Langspecht als „Schwarzmarschierer“ beim Tag der Niedersachsen begann, hat nun seinen vorläufigen Höhepunkt darin gefunden, dass der „zugereiste“ OB den hier aufgewachsenen Politikern vorhält, sich in Celle nicht auszukennen. Jetzt wird es bizarr, und es ist Zeit, dass damit Schluss ist. Ein wenig Imponiergehabe gehört zum politischen Geschäft, doch wenn dadurch die Fähigkeit zur konstruktiven Zusammenarbeit über Bord geworfen wird, ist es genug. In dem Punkt haben Mendes Kritiker Recht: Er muss sich im eigenen Revier erst noch beweisen. Zu tun gibt es genug. Und bei weiteren Erfolgen wie dem Einstieg ins zweite beitragsfreie Kindergartenjahr käme der vom OB eingeforderte Respekt von ganz allein. Michael Ende