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Celle Stadt Schlosskreis steht Gewehr bei Fuß
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Schlosskreis steht Gewehr bei Fuß
14:05 22.11.2010
Von Michael Ende
Celle Stadt

CELLE. Totgesagte leben länger. Karstadt-Geschäftsführer Hans Werner Schmidtmann kann ein Lied davon singen, denn er übt eine Funktion aus, von der er sich am liebsten schon längst verabschiedet hätte: Er ist Vorsitzender des Werberings Schlosskreis, der Innenstadt-Händler-Organisation, die durch das Wirken des Citymanagements bereits seit zwei Jahren obsolet sein sollte. Doch im Schlosskreis war man misstrauisch. „Wir wollten so lange mit unserer Auflösung warten, bis zu erkennen ist, dass das Citymanagement funktioniert“, so Schmidtmann. Jetzt sei er „erschüttert“ vom Zustand des Citymanagements, dessen Vorstandsspitzen schon wieder zurückgetreten sind und das schon wieder ohne Citymanager dasteht.

Die Antwort auf die sich jetzt logischerweise stellende Frage gibt Schmidtmann, ohne dass man ihn fragen muss: „Der Schlosskreis könnte jederzeit wieder anfangen.“ Und das, obwohl der Schlosskreis ohne nennenswerte öffentliche Subventionen auskommen musste – anders als das allein in diesem Jahr mit 156000 Euro an Steuergeldern geförderte defizitäre Citymanagement, dem derzeit 20000 Euro an Mitgliedsbeiträgen fehlen. Schmidtmann: „Wir haben uns durch Jahresbeiträge und Sonderbeiträge für verkaufsoffene Sonntage finanziert.“ Anders als das Citymanagement habe der Schlosskreis sogar Geld in der Kasse, so Schmidtmann: „Einen Verkaufsoffenen zum Beispiel könnten wir sofort und aus dem Stand auf die Beine stellen.“

Zu der Überzeugung, dass das Citymanagement in seinem derzeitigen Zustand kein ernstzunehmender Ansprechpartner, geschweige den Akteur in Sachen Innenstadtentwicklung sei, ist mittlerweile fast der komplette Stadtrat gelangt. Oberbürgermeister Dirk-Ulrich Mende (SPD), FDP-Fraktionschef Joachim Falkenhagen und sein CDU Kollege Heiko Gevers haben bereits angekündigt, den ineffizienten Citymanagement den Geldhahn zudrehen zu wollen. Zu ihnen gesellt sich nun SPD-Fraktionsvorsitzender Jens Rejmann: „Nachdem erhebliche Steuergelder zur Unterstützung des Vereins geflossen sind , ist es mehr als enttäuschend, wenn jetzt die Arbeit des Citymanagements vor dem Aus steht. Vor dem Hintergrund eines erheblichen Haushaltsdefizites ist es nicht zu verantworten, weiterhin Zuschüsse zu leisten bevor nicht ein tragfähiges, zukunftsfähiges Konzept für ein Citymanagement überzeugend vorgelegt werden kann. Bis zum endgültigen Ausscheiden des Citymanagers Gunnar Duvenhorst sollten anteilig Personalkostenzuschüsse ermöglicht werden.“

WG-Fraktionsvorsitzender Torsten Schoeps ist zu folgender Überzeugung gelangt: „Die Kaufmannschaft regelt ihre Dinge am besten wieder mehr marktwirtschaftlich selbst. Wer es schafft, sich derart effektiv und geschlossen gegen zusätzliche Konkurrenz – also Marktwirtschaft – in unserer Stadt zu organisieren, der schafft es auch, sich aus eigener Kraft so zu organisieren, dass die Attraktivität unseres Einkaufserlebnisses Innenstadt erhalten bleibt. Auch Steuergelder werden somit nicht mehr nötig sein.“

Bei so viel bitterer Ironie klingt es wie Sarkasmus, wenn Grünen Fraktionschef Bernd Zobel sagt, er erwarte, dass der Celler Einzelhandel „gemeinsam an einem Strang“ ziehe. Doch Zobel meint es ernst: Man soll die „jetzige Situation als Chance“ sehen. Die Frage ist, als Chance wofür.

Thema im Ausschuss: Mit der Zukunft des Stadtmarketings wird sich der Ausschuss für Wirtschaftsförderung in seiner Sitzung beschäftigen, die am Mittwoch um 17 Uhr im Ost-Europa-Centrum Niedersachsen, Hannoversche Straße 30A, beginnt.

Meinung

Sackgasse

Mit dem gescheiterten Experiment Citymanagement hat sich die Stadt Celle in eine Sackgasse manövriert. Beim Start des Projekts mit dem hochtrabenden Namen hieß es, dass es die Arbeit des damals als altbacken empfundenen Schlosskreises nicht nur ersetzen, sondern die Altstadt um einen Quantensprung nach vorne bringen sollte. Heute weiß man, dass der oft gescholtene Schlosskreis im Vergleich zum Citymanagement eine agile, erfolgreiche Organisation war – und das ganz ohne Steuergelder in sechsstelliger Höhe zu verbrennen.

„Warum hat die Stadt dieses Fiasko nicht verhindert?“ Diese Frage wird dieser Tage überall in Celle diskutiert. Dabei war die Stadt unmittelbar am Scheitern des Citymanagements beteiligt. Und zwar von Anfang an, als städtische Mitarbeiter das Konstrukt so aufbauten, dass – zumindest aus heutiger Sicht – absehbar war, dass es zum finanziellen Crash kommen musste. Wurde aus dem Rathaus rechtzeitig nachgesteuert? Nein. Und genau das hätte man erwartet von einem Oberbürgermeister, der bei seiner Wahl behauptet hat, er wolle in der Altstadt „schnelle Erfolge“ erzielen. Wer teure Kunstprojekte in Zeiten leerer Kassen zur Chefsache erklärt und durchdrücken will, der muss sich auch um Wichtiges kümmern: 

Die Altstadt ist Chefsache und darf nicht zum Scheiterhaufen für Steuergelder und Zukunftschancen werden.

Bis zu Jahresende will die Stadt klären, wie sie das Citymanagement in ein Konzept für Stadtmarketing und Tourismus einbinden will. Leider gibt es nichts einzubinden. Spannend wird es, zu beobachten, was nun kommt: Soll sich die Verwaltung direkt (und mit noch mehr Steuermitteln) um die City kümmern – oder muss der alte Schlosskreis wieder ran?

Michael Ende