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Celle Stadt Schlosstheater zeigt „Kindertragödie“
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Schlosstheater zeigt „Kindertragödie“
16:59 19.04.2013
Celle Stadt

„Ich glaube, dass das Stück um so ergreifender wirkt, je harmloser, je sonniger, je lachender es gespielt wird“: So schrieb einst ein Autor über sein Drama, dass er selbst als „Kindertragödie“ bezeichnet hatte. Die Rede ist von Frank Wedekinds „Frühlings Erwachen“ – und wie dieser scheinbare Widerspruch einer sonnigen Tragödie aufzulösen ist, kann am kommenden Freitag bei der Premiere im Schlosstheater begutachtet werden.

Das 1891 erschienene, aber erst 1906 uraufgeführte Stück, war einst wegen angeblich pornografischer Tendenzen ein Skandal und birgt auch aus heutiger Sicht einige Tücken, wenngleich solche gänzlich anderer Natur. Die Unwissenheit in sexuellen Dingen, die hier unter den 14- bis 15jährigen Hauptfiguren verbreitet waltet und letztlich die tragischen Entwicklungen auslöst, ist so mittlerweile nicht mehr denkbar. Wie also brezelt man den Stoff auf? Hat Regisseur Michael Knof vielleicht eine Rap-Fassung im Sinn, wie sie 2007 am hannoverschen Staatstheater zu sehen war?

Offenbar nicht: „Ich vertraue auf Wedekind und seinen Wortwitz. Bei uns kommt auch immer noch der Klapperstorch vor.“ Knof hat zwar das im Original äußerst umfangreiche Personal reduziert und auch kräftig Textpassagen gestrichen, Eigenbau im Teenie-Slang des 21. Jahrhunderts wird es aber nicht geben.

„Natürlich ist heute Pornografie in bewegten Bildern leicht zugänglich“, räumt der Regisseur ein, der das Grundthema gleichwohl nach wie vor für aktuell hält: „Dass die Kinder von Erwachsenen allein gelassen werden“, sagt er und schließt sich selbst dabei keineswegs kategorisch aus, sei der eigene Nachwuchs doch von mütterlicher Seite aufgeklärt worden. Elterliche Bemühungen beschreibt Knof übrigens nicht mit dem gängigen Wort „Erziehung“ – ihm schwebt eher eine „Begleitung“ vor: „Wenn man an jungen Pflanzen zieht, reißt man leicht die Wurzeln heraus.“

Eine große Materialschlacht ist auf der Bühne nicht zu erwarten. Orte werden in Schrift und Bild vorwiegend per Projektion definiert und durch sparsame Möblierung ergänzt, Kernsätze aus entfallenen Szenen erklingen in Form von Einspielungen. „Die Bühne wollen wir schwarz-weiß halten, die Farbe bringen die Figuren hinein“, erläutert Knof. Bei den Übergängen zwischen den Szenen soll auch Musik eine Rolle spielen und härtere Schnitte abmildern: „Ich komme ja ursprünglich vom Film“, beschreibt der Regisseur, in dessen Biografie unter anderem Arbeiten an „Polizeiruf 110“, „Tatort“ und „Großstadtrevier“ verzeichnet sind, diese Praktiken.

Wie werden die Kostüme aussehen? Die Kaiserzeit will Knof auf keinen Fall beschwören, er verzichtet allerdings auch auf übertrieben coole Klamotten aus dem Hier und Heute. Und vor allem werden die Darsteller weder auf Skateboards herumdüsen noch im Internet surfen oder ihre Dialoge über Handy austauschen. Die Begründung des Regisseurs scheint in der Tat schwer widerlegbar: „Der Klapperstorch und Handys, das ist Quatsch.“

Von Jörg Worat