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Celle Stadt Schreiben ist wie Küssen ohne Lippen
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Schreiben ist wie Küssen ohne Lippen
18:07 02.01.2014
Regina Neumann und Helmut Thiele spielen Emmi Rothner und Leo Leike. Quelle: Alex Sorokin
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Wie sich aus eher belangloser Plauderei im Zeitalter von E-Mail und Internet eine zunehmend fesselnde Brieffreundschaft entwickelt, die wiederum in eine digitale Lovestory mündet, das erlebten die Zuschauer in zwei ausverkauften Veranstaltungen am Wochenende in „Kunst & Bühne“. Unter dem Titel „Gut gegen Nordwind“ bot das Schauspieler-Duo Regina Neumann und Helmut Thiele eine begeisternde szenische Lesung aus Daniel Glattauers gleichnamigem Roman. In der Rolle der Homepage-Designerin Emmi Rothner, deren E-Mail durch einen Tippfehler in der Adressleiste irrtümlich bei Leo Leike, einem beziehungsgeschädigten Sprachpsychologen landet, präsentierte sich Neumann als ebenso mitreißende Protagonistin wie Thiele als neugieriger Professor, der sich zufällig gerade mit dem Thema „E-Mails als Transportmittel für Emotionen“ befasst. Bei der quirlig-charmanten Emmi kommt er allerdings schnell zu der Erkenntnis, dass „unter der Last Ihrer Emotionen jedes Transportmittel zusammenbrechen“ würde.

Lustvoll, provokant und von Neugier getrieben teilen die beiden im Schutz des virtuellen Raumes ihre Sorgen und Ängste, plaudern über Trivialitäten, offenbaren eigene Erfahrungen und Wünsche und entdecken dabei geheime Sehnsüchte ebenso wie lustvolles Verlangen. Sie kokettiert unwiderstehlich sexy, er mit der Selbstsicherheit eines Mannes, der weiß, dass seine Sätze sitzen. „Sie dürfen sich alles mit mir vorstellen, was Sie gerne mit Marlene machen würden“, provoziert sie den „waschechten Frauen-Komplexler“ unter Anspielung auf seine Ex, während er ihre Fantasien zunächst als „Kosmetik für Ihren abgeschminkten Gefühlsalltag“ abtut. Und doch lässt er sich immer wieder hinreißen: „Schreiben Sie mir, Emmi. Schreiben ist wie Küssen, nur ohne Lippen.“ Es knistert zunehmend in dieser aus Buchstaben gebauten Liebesutopie, hier Emmis erotisches Flirren, ihr Betteln und Fordern, ihr Locken und Lächeln, dort Leos neu erwachende Liebesenergie. Etwa bei Dialogen wie „Ich habe von Ihnen geträumt.“ – „Wie war mein Gesicht?“ – „Von Ihrem Gesicht habe ich nicht viel mitbekommen“ oder „Schlafen Sie eigentlich nackt?“ – „Kommt drauf an, neben wem.“

Die beiden Schauspieler agierten mit begeisternder Lebendigkeit und fantastischen stimmlichen und mimischen Nuancierungen und schafften es, das virtuelle Verlieben nachvollziehbar zu machen. Sie tranken Whiskey und Wein, zogen sich gedanklich an und wieder aus, während zwischen den Szenen immer wieder die schmerzliche Schönheit der Liebessehnsucht durchschimmerte. Dabei vermittelten sie eindrucksvoll die Paradoxie, sich ganz nah zu fühlen und doch unendlich fern zu sein.

Von Rolf-Dieter Diehl