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Celle Stadt Seeadler ziehen vier Junge im Kreis Celle groß
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Seeadler ziehen vier Junge im Kreis Celle groß
17:51 03.07.2014
Von Andreas Babel
Seeadler mit Aal Seite 34 des Buches "Die Rückkehr der Seeadler" Quelle: Edition Temmen
Celle Stadt

Wie ein Brett liegt er in der Luft, majestätisch gleitet er zwischen Kuhstall und Waller Forst in etwa 100 Metern Höhe: Der Seeadler ist mit bis zu 2,60 Metern Spannweite einer der eindruckvollsten Greifvögel der Welt. Und im Landkreis Celle hat man viele Gelegenheiten, einen der Vertreter dieser vor 20 Jahren in Niedersachsen noch nahezu ausgestorbenen Tierart zu erleben.

Vier Seeadler-Paare bevölkern die vier Reviere im Landkreis Celle, die sich naturgemäß an großen Gewässern orientieren: am Boyer Entenfang, an den Aschauteichen bei Eschede, an den Meißendorfer Teichen an den Gewässern beim Schießplatz der Firma Rheinmetall an der Grenze zum Landkreis Uelzen. In diesem Jahr sind wie im vergangenen Jahr vier Jungvögel in der Aufzucht und zwar jeweils zwei bei Eschede und Rheinmetall. „Die haben wir in diesem Jahr auch beringt“, berichtet Peter Görke. Der 72-Jährige ist seit 1996 Niedersachsens Seeadler-Beauftragter. Zuvor hat er sich seit 1974 um die Seeadler in Schleswig-Holstein gekümmert. Vor 18 Jahren siedelte sich nach langer Abstinenz das erste Seeadler-Paar in Niedersachsen wieder an und das ausgerechnet in Görkes Heimatort Meißendorf. „Da hat der liebe Gott sicher etwas mit zu tun gehabt, dass das in meinem Ort geschah“, sagt Görke, wobei ihm der Schalk aus den blauen Augen blitzt. „Damit hätte vor 20 Jahren niemand gerechnet, dass wir heute 26 erfolgreiche brütende Paare in Niedersachsen haben“, ergänzt er.

Erfolgreich ist nicht jede Brut. In diesem Jahr ist im Ostenholzer Moor bei Meißendorf der Jungvogel am 30. Tag aus dem Horst spurlos verschwunden. Görke hält es für möglich, dass er Opfer eines Uhus geworden ist. Bei Boye hat das Seeadler-Paar einen neuen Horst gebaut, den die Naturschützer noch nicht gefunden haben. „Das passiert häufig, wenn das Männchen wechselt wie höchstwahrscheinlich in diesem Fall, kann aber auch vorkommen, wenn zum Beispiel die Fichten von unten so hochwachsen, dass der Seeadler den Horst nicht mehr anfliegen kann“, erläutert der Adler-Experte.

In der Natur werden die Greifvögel 18 bis 22 Jahre alt, in Gefangenschaft können sie 35 bis 40 Jahre alt werden. Im Winter, wenn die stehenden Gewässer zufrieren und der Adler nicht mehr an die Fische in den Seen herankommt, weicht er im Landkreis Celle in Korridoren zu den fließenden Gewässern, vor allem zur Aller, aus, weil er dort auch dann noch reichlich Nahrung findet.

Die Altvögel haben Schlafbäume, die Jungvögel verbringen noch drei Wochen nach der Aufzuchtphase im Horst, ehe sie auf Wanderschaft gehen. Die spannendste Phase für einen Vogelkundler ist natürlich die 38-tägige Brutphase. Männchen und Weibchen wechseln sich dabei ab, die Eier warm zu halten – das Weibchen hat mit 60 Prozent den größeren Anteil daran. Das Männchen ist kleiner als das Weibchen, weil es den Löwenanteil an der Nahrungsbeschaffung für den Nachwuchs trägt. Die Aufzuchtphase dauert etwa 75 Tage.

Vor allem in diesen 113 Tagen dürfen die Adler in ihrem Horst nicht gestört werden. Die Naturschützer setzen sich dafür ein, dass es in einem Radius von 300 Metern um den Horst herum keine störenden Einflüsse gibt. Bei Meißendorf informieren Schautafeln, auf denen Seeadler und Kranich abgebildet sind, über den Schutz dieser Vögel. „Der Adler darf nicht vom Gelege runter. Wenn es mal minus 4 Grad kalt ist und der Adler von den Eier geht, weil er gestört wurde, dann gehen die Eier kaputt“, sagt Görke.

Neben Stangensuchern (Menschen, die durch die Wälder streifen, um abgeworfene Geweihe zu finden) sind vor allem Quad- und Motocrossfahrer die größten Störenfriede des „Horst-Friedens“.

Eine weitere große Gefahrenquelle für den Seeadler, der auf Nahrungssuche ist, sind Windkraftanlagen. Görke hat Korridore in Karten eingezeichnet, die verdeutlichen, dass die Meißendorfer Seeadler vor allem im strengen Winter an die Aller bei Bannetze und Thören ausweichen. „In diesen Korridoren dürfen auf keinen Fall Windräder errichtet werden“, sagt Görke.

Mit einem Rechenbeispiel verdeutlicht Görke die Gefahr für die Vögel: „An der See sollen Windräder mit einer Nabenhöhe von 140 Metern entstehen. Die Rotorenspitzen befinden sich also in einer Höhe von knapp 200 Metern. Wie schnell ist die Rotorspitze, wenn sich das Windrad nur 13,5 Mal pro Minute dreht?“, fragt Görke. Und als der Autor „104 Stundenkilometer“ schätzt, meint der Seeadler-Schützer: „Nein, es sind 414 Stundenkilometer. Da hat kein Adler eine Chance. Zudem saugen die Rotoren Vögel an“, erläutert Görke, der als Naturschützer für die Nutzung regenerativer Energie, aber kategorisch gegen Windräder in solch schützenswerten Bereichen ist.

Der Seeadler bleibt sein Leben lang dem einmal gefundenen sechs bis zwölf Quadratkilometer großen Revier treu. Im Gegensatz zu dem deutlich kleineren Fischadler, der auch im Landkreis Celle heimisch, aber ein Zugvogel ist, können Naturbegeisterte an den vier genannten Stellen im Kreisgebiet das ganze Jahr über das Glück haben, einen Seeadler zu sehen. „Ich habe den Seeadler im vergangenen Jahr über das Winser Storchennest fliegen sehen und in diesem Jahr habe ich ihn dort auch gesehen“, so Görke. Während der Fischadler ausschließlich das verspeist, was er in seinem Namen trägt, erbeutet der Seeadler daneben auch Wassergeflügel bis hin zu Schwänen. Außerdem frisst er auch sehr viel Aas.

Das viel gerühmte Adlerauge registriert auch die kleinste Bewegung. Görke verdeutlicht das mit folgendem Beispiel: „Wenn der Seeadler in 1800 Metern Höhe kreist, erkennt er einen liegenden Hasen nicht – wenn ein Hase aber das Ohr bewegt, bemerkt er diese Bewegung, geht tiefer runter und schaut sich das näher an.“

Bildband: Die Fotografen des neuen Bildbandes „Die Rückkehr der Seeadler“ kennt der Meißendorfer. Gerade die Jagdszenen in dem Buch der Edition Temmen, aus dem die auf dieser Seite veröffentlichten Aufnahmen der Steinadler stammen, kann man nur mit viel Ausdauer, reichlich Glück und der richtigen fotografischen Ausrüstung zustande bringen. Görke möchte dass die Adler auch ihrem „Greifwerk“ ungestört nachgehen können, so dass er dazu rät, sich in solche Bildbände zu vertiefen und den Seeadler in Ruhe zu lassen.