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Celle Stadt "Sie saugten das Wissen auf" - Celler halfen der Verwaltung in Quedlinburg
Celle Aus der Stadt Celle Stadt "Sie saugten das Wissen auf" - Celler halfen der Verwaltung in Quedlinburg
23:46 23.10.2015
Die Fachwerkhäuser in Quedlinburg sind im Frühjahr 1990 eher herunter gekommen. Der damalige niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht bringt 100.000 Dachziegel in die Stadt. Zudem helfen westdeutsche Städte wie Celle beim Aufbau einer Verwaltung. Quelle: Joachim Gries
Celle Stadt

Der Geruch nach Braunkohle und der gelblich trübe Nebel, der durch den Rauch der Braunkohle über der Stadt lag, ist Rüdiger Heinrich noch heute in Erinnerung geblieben. Der 61-jährige Fachdienstleiter für den Bereich Sport bei der Stadt Celle hat 1990 mit zwei weiteren Kollegen von der Celler Stadtverwaltung für mehrere Monate in Quedlinburg am Rande des Ost-Harzes gelebt und gearbeitet, um der Kleinstadt nach der Öffnung der Grenze bei dem Aufbau einer kommunalen Selbstverwaltung zu helfen.

„Es war ein großes Abenteuer und ich erinnere mich gerne an die Zeit zurück“, erzählt Heinrich. Im Jahr 1990 schlossen sich die Städte Celle, Hameln, Hannoversch Münden und Herford mit Quedlinburg zu einer Städte-Union zusammen, um der der ehemaligen DDR-Stadt unter die Arme zu greifen und eine funktioniere Verwaltung aufzubauen. „Die Stadt war heruntergekommen und wirkte grau. Es gab keine typische Kommunalverwaltung, wie wir das hier in Celle kennen“, sagt Heinrich.

Im ersten Jahr der gegründeten Städte-Union war die Celler Verwaltung federführend. Als erster Geschäftsführer fungierte Wolfgang Fischer, heute Pressesprecher der Stadt Celle. „Ziel der Union war es, die Entwicklung eines demokratischen Gemeinwesens zu fördern und bei dem Aufbau einer Verwaltung Hilfestellung zu leisten“, sagt Fischer.

Heinrich erläutert, dass dazu er und zwei Kollegen als erfahrene Fachleute aus dem Celler Rathaus abgeordnet worden seien, um vor Ort als Aufbauhelfer die Verwaltungskräfte in Quedlinburg zu schulen. „Konkret ging es erst einmal darum, ein Organigramm mit konkreten Zuständigkeiten innerhalb der Verwaltung aufzustellen mit beispielsweise einem Bauamt, einem Postamt und so weiter. Wir wollten das funktionierende Verwaltungsprinzip von Celle eins zu eins auf Quedlinburg übertragen“, erzählt Heinrich.

Das Vorhaben glückte. Bereits innerhalb kurzer Zeit konnte das Modell in Quedlinburg etabliert werden. Größere Probleme gab es dabei nicht. Die Celler Verwaltungskräfte bewerteten in Quedlinburg zum Beispiel Stellen und bildeten Nachwuchskräfte aus. „Die Mitarbeiter dort waren hoch motiviert. Sie saugten unser Wissen geradezu wie ein Schwamm auf und holten einiges an Wissen auch an Wochenendkursen nach“, erklärt Heinrich.

Heinrich hatte in Quedlinburg eine kleine Wohnung, in der er von montags bis freitags hauste. Mit den Menschen in Quedlinburg hat sich der Celler gut verstanden. „Wir wurden herzlich in Quedlinburg empfangen. Das Duzen auch gegenüber dem Bürgermeister fiel mir anfangs schwer, weil wir das von unserer Verwaltung nicht gewöhnt sind. Einfach war das ganze Projekt nicht, besonders als Ende 1990 die wirtschaftliche Situation für Quedlinburg schwierig wurde, weil immer mehr Betriebe schlossen“, sagt Heinrich.

Heute besteht zwischen Celle und Quedlinburg eine eher lockere Freundschaft mit gelegentlichen Besuchen.

Von Jessica Poszwa