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Celle Stadt "Sommernachtstraum" in Celler CD-Kaserne: Teenager im Dickicht der Gefühle
Celle Aus der Stadt Celle Stadt "Sommernachtstraum" in Celler CD-Kaserne: Teenager im Dickicht der Gefühle
15:15 11.05.2015
Das Orchester im Treppenhaus aus Hannover lieferte in der Celler CD-Kaserne eine quirlige - und anspruchsvolle Mischung aus Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ und den Kultfilmen „Dirty Dancing“ und „La Boum – Die Fete“. Quelle: Alex Sorokin
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Das „Orchester im Treppenhaus“ aus Hannover hat es sich zur Aufgabe gemacht, klassischer Musik den bisweilen verstaubten Beigeschmack zu nehmen und sie einem für innovative Konzerterlebnisse empfänglichen Publikum zu präsentieren. Unter dem Titel „Sommernachtsturnen – Eine ganz klassische Fete“ kam das aktuelle Konzert-Projekt des Ensembles am Sonntag in der CD-Kaserne zur Aufführung: eine wahrlich quirlige und dabei höchst anspruchsvolle Mischung aus Shakespeares Komödie „Ein Sommernachtstraum“ und deren hochromantischer Vertonung von Mendelssohn Bartholdy einerseits sowie dem Kult-Tanzfilm „Dirty Dancing“ und der französischen Teenager-Komödie „La Boum – Die Fete“ andererseits.

Hier die vier unglücklichen Verliebten Shakespeares, die in einer Sommernacht aus ihrer geordneten Welt fliehen, sich in einem magischen Wald verirren und mittels Kräuterdrogen mit den entgrenzenden Rauschzuständen scheinbarer Paradiese konfrontiert werden. Dort ein schüchternes und gut behütetes Mädchen, das im Ferienclub auf den smarten Tanzlehrer Johnny trifft und bei Mambo und Merengue sehr schnell merkt, dass „Dirty Dancing“ weit mehr ist als eine Polonaise durch die Hotellounge. Und schließlich die 13-jährige „Tochter aus gutem Hause“, die mit ihren Eltern nach Paris zieht und sich rund um „La Boum – Die Fete“ im Chaos jugendlicher Romantik zurechtfinden muss.

Mit Cheerleader-Pompons wurde die Ouvertüre eingeleitet. Im weiteren Verlauf folgten mit „Dreams are my Reality“ und „Time of my Life“ Filmmusik-Ohrwürmer. Das von Beginn an begeistert mitgehende Publikum fühlte sich hineinversetzt in die Zeit der ersten Liebe und der ersten Feten, als unter der Regie von Volker Bürger und der musikalischen Leitung von Thomas Posth die vier Protagonisten mal als „Baby und Johnny“ oder „Vic und Mathieu“, mal als „Hermia und Demetrius“ oder „Helena und Lysander“ auf der Bühne durch das Dickicht ihrer Gefühle taumelten und in ihrem Konflikt zwischen rationaler Beherrschung und (sexuellen) Begierden ihren Emotionen und Gefühlsausbrüchen freien Lauf ließen.

Bürgers Inszenierung war voller Dynamik, Ideen und Details, die Schauspieler hoch motiviert. Das Bühnengeschehen verdeutlichte nicht nur den inneren Zusammenhang der musikalischen Sequenzen, sondern half auch – etwa beim zauberhaften „Scherzo“, beim Elfenlied oder beim „appassionato“-Intermezzo – deren tonmalerischen Charakter zu verstehen. Posth setzte bei seiner Interpretation des Melodrams auf die Zerbrechlichkeit der Mendelssohnschen Zaubermusik, auf sensible Feinmechanik und Behutsamkeit und vermied jeden vordergründigen Effekt. Ganz wie es der Sehnsucht nach der ersten großen Liebe und all den Gefühlswirren, die diese mit sich bringt, entspricht. Ein berauschendes Erlebnis.

Von Rolf-Dieter Diehl