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Celle Stadt Sprachforscher: Fehler von heute sind die Regeln von morgen
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Sprachforscher: Fehler von heute sind die Regeln von morgen
20:48 03.11.2010
Prof. Rainer Wimmer bei seinem Vortrag am 02.11.10 im Beckmannsaal. Quelle: Peter Bierschwale
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50 Gäste waren der Einladung des Celler Zweiges der „Gesellschaft für die deutsche Sprache“ gefolgt, und sie erlebten in der Aussprache nach dem Vortrag noch eine hitzige Debatte.

Horst Pape fiel es bei seinen einleitenden Worten sichtlich schwer, „falsches Deutsch“ zu sprechen, um die Thematik zu verdeutlichen, doch dann brachte er ihn über die Lippen, den „falschen Weil-Satz“: „Ich gehe jetzt ins Bett, weil ich bin müde!“ Dem einen dreht sich der Magen um, der andere findet den Satz völlig in Ordnung. Welchen Regeln folgt die Sprache, und nach welchen Regeln vollziehen sich die Änderungen? Auf eine der offensichtlichsten Änderungen ging Rainer Wimmer zu Beginn seines Vortrages ein, die Verdrängung des Genitivs durch den Dativ („Meinem Bruder sein Zimmer“). Man solle nicht glauben, so Wimmer, dass „Sprachwandel“ ein rein deutsches Thema darstelle. Mit einem Beispiel verdeutlichte er, wie dramatisch sich Sprache über die Jahrhunderte verändern kann. Er zitierte einen altenglischen Prosatext, von dem die Zuhörer nicht ein Wort verstanden, es klang nicht einmal wie das Englisch, das wir kennen.

Die Sprache sei kein „Naturprodukt“, aber auch kein reines „Artefakt“ des Menschen, und der Sprach-wandel sei ein „Phänomen der 3. Art“. Zu dessen Verständnis helfe die Denkfigur des englischen Ökonomen Adam Smith, der beim Marktgeschehen von der unsichtbaren Hand („invisible hand“) gesprochen hatte, die im Rücken der Handelnden wirke. Weil jedoch nicht vorhergesagt werden könne, welcher Sprachgebrauch sich durchsetzen werde, seien die Fachleute, auch die Duden-Redaktion, sehr vorsichtig mit Festlegungen.

Diese zurückhaltende Aussage behagte einzelnen Zuhörern nun überhaupt nicht: In der anschließenden Aussprache verlangten sie nach einer Institution, die festlege, was „richtig“ und was „falsch“ sei, damit die „deutsche Sprache gerettet werde“. Die Argumente gegen ein solches Vorgehen hatte Wimmer jedoch schon in seinem Vortrag geliefert: Für die meisten Anglizismen gebe es keine gleichwertige Entsprechung in der deutschen Sprache, und eine Festlegung des Sprachgebrauchs „von oben“ sei eher etwas für Diktaturen. „Die Sprachwelt“, meinte Wimmer dann abschließend, „ist unglaublich bunt und irre!“

Von Peter Bierschwale