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Celle Stadt Stimmig, aber wenig originell
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Stimmig, aber wenig originell
19:54 25.03.2012
Celle Stadt

Alte Freunde treffen sich nach sechs Jahren wieder. Schöne Sache? Sollte so sein, ja. Ist es aber nicht unbedingt – schon gar nicht in Roland Schimmelpfennigs Stück „Peggy Pickit sieht das Gesicht Gottes“. In der Kleinen Residenzhalle lief am Freitag eine Premiere der etwas anderen Art.

Der Autor, den manche Theaterkritiker für den wichtigsten deutschen Gegenwartsdramatiker halten, hat den Text für das kanadische „Vulcano Theatre“ geschrieben, und zwar als Teil einer „Afrika-Trilogie“. Doch spielt die Handlung nicht dort, und das Verhältnis zwischen Erster und Dritter Welt ist auch keineswegs das einzige Thema. Möglicherweise nicht einmal das wichtigste.

Zwei Paare begegnen sich. Bei der Arbeit im Krankenhaus hat sich das Quartett einst kennen gelernt, dann trennten sich die Wege. Frank wurde Oberarzt an einer Uniklinik; mit seiner Frau Liz, einer ehemaligen Krankenschwester, hat er eine Tochter. Carol und Martin dagegen gingen für sechs Jahre als Mediziner nach Afrika. Hat das Quartett nun, mit Anfang 40, so etwas wie innere Zufriedenheit gefunden? Offenbar nicht – denn die kleine Party läuft zunehmend aus dem Ruder.

Schimmelpfennig arbeitet gern mit Montagetechniken. So gibt es in „Peggy Pickit“ immer wieder Vorblenden, in denen die Figuren aus dem Geschehen heraustreten und es kommentieren. Meistens in gehässiger Art – hat man sich eben noch freundlich angelächelt, werden nun haufenweise Bösartigkeiten über die angeblichen Freunde ausgeschüttet. Manche Szenen sieht der Besucher so gleich mehrfach, und da eine der Eskalationen darin besteht, dass sich die beiden Damen eine runterhauen, gibt es über den Abend verteilt Backpfeifen satt.

Ausstatter Giovanni de Paulis hat für all das ein Mittelding aus Podesterie und Laufsteg gebaut, was gut funktioniert. Requisiten gibt es kaum, und die wenigen haben ihre Tücken: Als im Eifer des Gefechts Sektkübel und -flasche heftig in Bewegung geraten, ergießt sich reichlich Flüssigkeit auf den an dieser Stelle fortan recht klebrigen Boden.

Ein wesentliches Moment bei diesem Stück ist das richtige Timing, und diesbezüglich hat Regisseur Nico Dietrich mit seinen Akteuren eine stimmige Balance zwischen Zuspitzungen und retardierenden Momenten gefunden. Gleichwohl könnten die ständigen Zeitsprünge für Zuschauer, die Schimmelpfennigs Eigenarten nicht kennen, gewöhnungsbedürftig scheinen.

Überhaupt mag die Wirkung des Abends von den jeweiligen Erfahrungswerten abhängen. Regelmäßige Theaterbesucher werden deutliche Ähnlichkeiten mit Erfolgsstücken wie Edward Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ und Yasmina Rezas „Der Gott des Gemetzels“ feststellen. Auch sonst ist der Text kaum sehr originell. Die Risse in der Fassade der Figuren bringen keine wirklichen Geheimnisse hervor, sondern scheinen eher das übliche Themenspektrum abzuhaken: Hier treten Seitensprünge zutage, dort geht’s um einen unerfüllten Kinderwunsch und auf der anderen Seite um das Gegenteil. Vom Unbehagen des Westens bezüglich des „richtigen“ Umgangs mit der Dritten Welt hat man auch schon gehört, und dass Gutmenschen nicht immer gut sind, ist ebenfalls keine absolut neue Erkenntnis.

Alle vier Akteure spielen ihre Parts diszipliniert, vielleicht mit leichten Punktsiegen für die Damen: Stefanie Lanius und vor allem Petra Friedrich machen überzeugend die Zerrissenheit ihrer Figuren deutlich. Während die Männer ein klares Gegensatzpaar bilden: Georg Lippert ist für die dezenteren Momente zuständig, Daniel Brockhaus lässt etwas überbetont den Grobian heraushängen.

Ein etwas zwiespältiger, aber interessanter Abend. Der übrigens mit dem Schlussapplaus nicht beendet ist – danach wartet noch eine gelungene Überraschung auf die Besucher.

Jörg Worat

Von Jörg Worat