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Celle Stadt Stück Celler Jugendkultur verschwindet
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Stück Celler Jugendkultur verschwindet
20:09 24.03.2017
Dezsö Vasari (45) aus Wathlingen: "Ich war vor mehr als zwanzig Jahren mal im 'Rio's'. Für die Jugendlichen ist es blöd, dass es die Kneipe nicht mehr geben wird. Besser sie sind dort, als auf der Straße unterwegs."  Quelle: Alex Sorokin
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Nachdem sie in erster Instanz die Räumungsklage gegen die Stadt Celle verloren haben, verzichten sie nun auf die Berufung – mangels Erfolgsaussichten. Seit 1995 gibt es das „Rio‘s“, seit 1996 betreiben es die beiden.

Vor der Jugendkneipe schieben sich die Autos durch den Nachmittagsverkehr. Die Sonne scheint, die Tische sind voll. „Wo Celle zur Stadt wird“ – so versteht sich das „Rio‘s“. Und so ist es. Fünf Schüler sitzen an den rustikalen Tischen. Der ist viel zu klein für die Menge an Personen. Also einfach die Tische zusammenstellen, zurücklehnen und das nächste Getränk bestellen. „Bringst mir noch ‚ne Limo?“ Kein Problem. Alles easy going. Mitarbeiter und Besucher sind auf einer Wellenlänge. Und auch vom Alter her nicht weit voneinander entfernt. Und genau das macht den Charme der Celler Kultkneipe aus.

„Wo das Leben bunt ist.“ In weißen Buchstaben prangt dieser Spruch auf den roten Stühlen des „Rio‘s“. Bald werden diese Stühle nicht mehr am Neumarkt stehen, bald wird nicht mehr das Reeperbahn-Bier „Astra“ ausgeschenkt, bald gibt es kein Kickern mehr. Bald? Genauer: Ende Januar 2018 ist Schluss mit dem „Rio‘s“.

Es ist ein Stück Jugendkultur, das sich dort verabschiedet. Der stetige Anlaufpunkt, wenn alles schon geschlossen hatte. „Wir haben gerade unsere Abi-Klausur geschrieben“, ist von der Fünfer-Gruppe zu hören. Biologie-Leistungskurs: Lachse und Evolution. Es stand nicht zur Diskussion, wo die KAV-Schüler hingehen. Natürlich ins „Rio‘s“. Wo sie in Zukunft hingehen, wissen sie noch nicht. Wollen sie eigentlich auch gar nicht.

Erste Biere, erste Lieben und erste Zigaretten. Es wird keine ersten Male mehr geben. Nicht mehr am Neumarkt. Nirgendwo. Das „Rio‘s“ wird Geschichte sein. Draußen sitzen und „sehen und gesehen werden“ – aber anders als in der Celler Innenstadt. Alternativ, lockerer und atmosphärischer. Man läuft vorbei, bleibt stehen, kommt ins Gespräch. „Ach, was machst du denn hier?“ Im „Rio‘s“ trifft man sich einfach. Entweder durch Zufall oder eben strategisch geplant. Auch zehn Jahre nach dem Abi blickt man hier in bekannte Gesichter.

Auch für Carlos Viana ist das „Rio‘s“ ein Zuhause geworden. Der gebürtige Kolumbianer ist vor fünf Jahren nach Celle gekommen. Als Austauschschüler hat er das Leben in der Residenzstadt kennengelernt. Damit auch die Celler Kneipenkultur. Kurzum: das „Rio‘s“. Mittlerweile lebt er in Münster, aber an die Stadt an der Aller zieht es ihn immer wieder. „Als ich hier gelebt habe, war ich immer im ‚Rio‘s‘“, gibt der 20-Jährige lachend an, „sogar mehrmals täglich.“

Für junge Erwachsene mangelt es an Alternativen – da herrscht große Übereinstimmung. Kneipen und Bars gibt es. Aber es mangelt an Individualität. „Alle Bars sind sich hier sehr ähnlich“, sagt Dietert, „alles sehr clean.“ Doch auch viel Persönliches verschwindet. Die Mitarbeiter verstecken sich nicht hinter dem Tresen. Setzen sich dazu. „Das sind schon freundschaftliche Verhältnisse“, sagt Celina Thielke. Denn eben diese Atmosphäre macht die Kneipe zum Kult.

„Weißt du noch, als wir Abi geschrieben haben? Und danach erstmal schön ins ‚Rio‘s‘ gegangen sind?“ Ende Januar 2018 wird sich die Celler Jugend eine neue Erinnerung schaffen müssen. Denn dann wird das letzte „Astra“ getrunken sein.