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Celle Stadt Theaterstück fordert Celler Zuschauer zum Nachdenken auf
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Theaterstück fordert Celler Zuschauer zum Nachdenken auf
22:11 23.10.2016
Ein Mord und viele Ansätze, die Schuld und Unschuld des Verdächtigen gleichermaßen unterstreichen könnten: Johann Schibli, Eva-Maria Pichler und Dirk Böther (von links) bei der Premiere von „Alles wird gut“. Quelle: Alex Sorokin
Celle Stadt

Sucht man nach einem Kern – dem „Roten Faden“, der sich durch das Stück, Leben und gesellschaftspolitische Zustandsbestimmung, wie Daimagüler es beschreibt, zieht – so heißt dieser „Ignoranz“.

Ignoranz – ob aus Blindheit, Dummheit, in Kauf genommen oder aus Absicht – behindert die Wahrnehmung und verhindert das Erkennen logischer Zusammenhänge, eine konsequente Haltung und die Menschlichkeit. In „Alles wird gut“ verarbeitet Mehmet Gürcan Daimagüler nicht nur Erfahrungen. Er stellt seine Person selbst als Protagonisten in den Mittelpunkt des Stücks – macht sich, umwoben von einer konstruierten, fiktiven Fallsituation, angreifbar, um begreifbar zu machen.

Ein Mord ist geschehen. Das Opfer: ein Sänger aus der rechtsradikalen Szene, getötet und in Brand gesteckt nach seinem Konzertauftritt im Garderoben-Container. Wer war es? Wie und warum? Der Tatort bietet kaum Spuren. Die Ermittlung ruft Profiler auf den Plan – Hintergrundarbeit, die Daimagüler in den Fokus setzt. Der deutsche Anwalt, Sohn türkischer Migranten, auf Opferrecht spezialisiert, Vertreter der Nebenklage im NSU-Prozess, Menschenrechtler und deutlicher Gegner von Rassismus, kämpft seit Jahren gegen Rechtsradikalismus in all seinen Formen. Und er war nachweislich auf dem Konzert. Ist er jetzt selbst radikal geworden?

Reale Schriften, Interviews, Taten, ja sogar höchstpersönliche Befindlichkeiten des Anwalts werden zum Gegenstand und Anhaltspunkt der Tatverdächtigung. Drei Ermittler, drei Ausgangspositionen und viele Ansätze, die Schuld und Unschuld gleichermaßen unterstreichen könnten. Wie neutral und gefestigt sind Rechtsstaat und Demokratie in diesem Land? Wer schaut wo hin oder weg? Wo wird Recht genutzt und wo gebeugt, bis es bricht? Wie und wodurch werden Menschen beeinflusst – und gelenkt? Und wohin führt das alles?

Das Stück fordert den Zuschauer auf, hinzusehen, selbst zu denken, mitzufühlen, Schlüsse zu ziehen, die auf Fakten – Tatsachen, Erfahrungen, Aufdeckungen und Vertuschungen – basieren. Dafür hat sich Daimagüler gläsern gemacht, exponiert für eine Überzeugung: „Es gibt keine geborenen Guten oder Schlechten. Es braucht nur einen kleinen Schraubendreh und die Leute können nach rechts oder links austicken. Wir wiegen uns in falscher Sicherheit, unsere Freiheit ist tatsächlich auf vielfältige Weise extrem bedroht.“ Für den, der sich das Stück ansieht, ist das nachvollziehbar. „Alles wird gut“ setzt Gedankenprozesse und Aufmerksamkeit in Gang.

Von Doris Hennies