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Celle Stadt Tödliche Seifenblasen: Celler will Tierschlachtungen verbessern
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Tödliche Seifenblasen: Celler will Tierschlachtungen verbessern
20:29 23.08.2017
Von Christian Link
Harmen Kiezebrink hat in seiner Garage in Celle seine fast schmerzfreie Methode zum Töten von Tieren weiterentwickelt. Quelle: Christian Link
Celle Stadt

Ein Bolzenschuss knapp über die Augen, ein Elektroschock mit einer Zange auf den Kopf oder das Vergasen mit Kohlendioxid (CO2) – mit diesen Betäubungsmethoden werden allein in Deutschland jährlich hunderte Millionen Tiere auf ihren Tod vorbereitet. Doch die gängigen Betäubungsverfahren in den Schlachthöfen sind umstritten, weil sie mit Stress und Schmerzen verbunden sind. Harm Kiezebrink hat in Celle ein neues Verfahren entwickelt, um den Tieren einen sanfteren Tod zu ermöglichen: Dabei kommen Seifenschaum und Stickstoff zum Einsatz.

"Der Mensch und auch das Tier haben keine Rezeptoren für Stickstoff", erklärt Kiezebrink. Deswegen wird das Gas, das 78 Prozent der Erdatmosphäre ausmacht, nicht als Gefahr wahrgenommen und löst keinen Todeskampf aus. Zum Beweis zeigt Kiezebrink ein Video: Ein Ferkel wird in einen geschlossenen Behälter gebracht, der mit Seifenschaum geflutet wird. Lautlos verschwindet das Tier in den mit 99 Prozent Stickstoff angereicherten Seifenblasen und verliert das Bewusstsein. Es hat offenbar nicht gemerkt, dass ihm plötzlich der Sauerstoff fehlte. "Das Tier spürt nur den Schaum", sagt Kiezebrink.

Zum Vergleich zeigt der 58-Jährige ein zweites Video, bei dem CO2 verwendet wird: Das Ferkel quiekt fast 20 Sekunden lang in wilder Panik, weil es die drohende Ohnmacht deutlich wahrnimmt. Dieser Todeskampf ist Alltag in deutschen Schlachthöfen. In sogenannten Betäubungsfallen können bis zu 850 Schweine pro Stunde auf die Schlachtung vorbereitet werden. Die Elektrobetäubung dauert wegen des Fixierens der Tiere vier Mal so lange, weshalb sie deutlich seltener eingesetzt wird.

Das neue Verfahren hat Kiezebrink in Zusammenarbeit mit dem Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) in Celle entwickelt. "Bislang hat das FLI eine große Rolle gespielt. Aber jetzt wird das Verfahren kommerzialisiert, da stehe ich auf eigenen Beinen", sagt der gebürtige Holländer. In seiner Heimat werde seine Methode seit dem Fipronil-Skandal bereits erfolgreich eingesetzt: "In Holland ist es für Geflügel und Schweine genehmigt."

Nun will Kiezebrink auch die deutschen Landwirte erreichen. "Es gefällt mir in Celle sehr gut. Von hier aus will ich die Entwicklungen der weiteren Projekte steuern", sagt er. In den Niederlanden habe er bereits über 40 Anfragen von Landwirten. Zudem führt er ein Testprojekt mit der australischen Firma SunPork Fresh Foods durch. Die sucht eine Tötungsmethode, die auch für die Schlachthofmitarbeiter erträglich ist. "In Australien ist das ein Riesenthema, hier in Europa wird da nicht so viel drüber gesprochen", sagt Kiezebrink.

Seine eigenen Eindrücke von Massenschlachtungen waren auch der Anlass, warum Kiezebrink das neue Verfahren entwickelt hat. Während der Vogelgrippe 2003 war er in den Niederlanden in mehr als 1100 Betrieben für die "Räumung" der betroffenen Bestände zuständig. Rund 18 Millionen Tiere seien unter seiner Verantwortung getötet worden. "Das hat mich sehr belastet. Deswegen habe ich mir gesagt: Es muss eine bessere Lösung geben", sagt Kiezebrink und fügt hinzu: "Seitdem ich habe mir den Kopf zerbrochen, wie man zur Betäubung Stickstoff einsetzen kann."

Jetzt hofft er darauf, dass sein neues Verfahren sich auch durchsetzen wird. "Wenn es zu einem Ausbruch kommt, reicht eine dieser Anlagen, um alles Nötige zu tun", sagt er. Bis zu 10.000 Euro werde die Maschine kosten, wenn sie Serienreife erlangt hat, prognostiziert Kiezebrink. Hinzu kommen die Kosten für Gas und Einwegcontainer aus Plastik. Doch nicht nur im Seuchenfall sei die Methode hilfreich, sie eigne sich auch für nicht lebensfähige Tiere, die aus Tierschutzgründen getötet werden müssen – etwa weil sie schwer verletzt sind. Kiezebrink: "Auch diese Tiere haben ein würdiges Ende verdient."