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Celle Stadt Ulenspiegel mit den Augen belauschen
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Ulenspiegel mit den Augen belauschen
16:08 25.04.2016
Celle Stadt

Hochinteressant und ungemein spannend verlief der Vortrag der angehenden Kunstwissenschaftlerin Johanna Hummel, Stipendiatin der Klahn-Stiftung und Doktorandin der Friedrich-Schiller-Universität Jena, die im Bomann-Museum über „Erzählmethoden durch Perspektive, Komposition und Montage in den Ulenspiegel-Aquarellen von Erich Klahn“ referierte.

Klahn schuf über mehrere Jahrzehnte in zwei Schaffensphasen (1935 bis 1947 und 1977 bis 1978) insgesamt 1312 Aquarelle zu Charles de Costers literarischer Vorlage. Er beschreibt Ulenspiegels Kampf für die Freiheit und Menschlichkeit, gegen die Schreckensherrschaft der spanischen Inquisition. Klahns Aquarelle – ein ungewöhnliches zeichnerisches Œuvre höchster Qualität – sind jedoch nicht im eigentlichen Sinn Illustrationen. Es sind eigenständige Übertragungen der Dichtung in die Kunst.

Klahn sei ein passionierter Kinobesucher gewesen, schilderte Hummel. An Beispielen des Filmklassikers „Vom Winde verweht“ und des Hitchcock-Thrillers „Die Vögel“ erläuterte sie zunächst das Prinzip des „Storyboards“, quasi eine zeichnerische Version des Drehbuchs. Anhand dieser Beispiele wusste sie den Zuhörern zu vermitteln, wie Klahn genauestens die Techniken von Kameraführung und Filmschnitt beobachtet und genutzt hat. Klahn habe die literarische Form des Drehbuches in eine völlig andere Sprache übersetzen wollen, nämlich in die Sprache der Bilder. Die Farben übernehmen die dramaturgische Rolle der Filmmusik, und die theatralische Gestik und Mimik der Protagonisten den Ton. Die Bildinformationen habe er dann peu à peu zu kleinen subtilen Erzählstrukturen und schließlich zu einer verständlichen Botschaft verdichtet.

Zudem habe Klahn dem Betrachter in den Bildern zahlreiche Hinweise gegeben, damit dieser das Geschehen in der Bilderfolge verfolgen kann. Dadurch leite ihn der Künstler – hier und da auch unterstützt durch wechselnde Blickwinkel – von Bild zu Bild. Und der Betrachter ergänze dann die Bilder mit seinen eigenen Gedanken quasi zum Film („Kopfkino“).

Man belauscht die jeweiligen Szenen quasi mit den Augen, wovon man sich in der Ausstellung noch bis zum 29. Mai mittwochs bis montags von 10.30 bis 16.30 Uhr in der Ehrenhalle des Museums überzeugen kann.

Von Rolf-Dieter Diehl