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Celle Stadt Ulrich Jokiel im Celler Schlosstheater: Charmant, humorvoll und pointiert
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Ulrich Jokiel im Celler Schlosstheater: Charmant, humorvoll und pointiert
14:26 11.02.2014
Stellten die - Emotionen der „Yentl“-Songs mit facettenreicher Ausdruckskraft dar: Sängerin Claudia Doliwa (rechts) begleitet von Peter Missler am Saxofon und Ulrich Jokiel - am Klavier. Quelle: Alex Sorokin
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Ulrich Jokiel bringt man in Celle vor allem mit seiner Passion als langjähriger musikalischer Leiter des Schlosstheaters in Verbindung. Dass der studierte Psychologe und Ethologe auch als Autor tätig ist, wissen hingegen die wenigsten. „Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies“ lautet der Titel seines aktuellen Buches, das er am Montag im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Format 20.15“ auf der Turmbühne des Schlosstheaters vorstellte. „Ich habe in mir ein verlorenes Paradies gefunden“, zitiert Jokiel darin einen „von seinen Glücksgefühlen überraschten“ Weggefährten nach der Aufführung eines Brahms-Konzertes auf die Frage, was er bei dieser Musik gedacht und gefühlt habe. „Damit“, so Jokiel, „stand der Titel meines Buches fest.“

Die von Jokiel ausgewählten Textauszüge erlaubten den Zuhörern nicht nur manch tiefen Blick in seine Lebensgeschichte, sondern auch und vor allem in seine charmant-humorige, von „jiddischem wiz“ durchdrungene Seele. Köstlich, wie etwa sein unter Schlafstörungen leidender Protagonist – vom Homöopathen zum klassischen Schäfchenzählen animiert – von Langeweile getrieben die 2000 bereits gezählten Schafe im Wachtraum zu scheren beginnt und dadurch nun weder Zeit noch Muße zum Schlafen findet, zumal er aus der Wolle auch noch Mäntel schneidert („alles von der Bettkante aus!“) und der Rest der schlaflosen Nacht zusätzlich davon belastet wird, dass er nicht weiß, wo er nun „das Futter für die 2000 Mäntel herbekommen“ soll.

Die geistige Raffinesse eines Rabbiners, das nachdenkenswerte Gedicht über die „zehn kleinen Meckerlein“ und die Rolle der „Teufel auf Erden“ – verbunden mit der Existenz- und Sinnfrage nach dem Paradies – bildeten weitere Anknüpfungspunkte der zwar inhalts- und gedankenschweren, aber auch humorvoll durchtriebenen ausgewählten Episoden.

Ergänzt wurde die Lesung mit Streisand-Songs aus dem verfilmten jüdischen Märchen „Yentl“, der Geschichte einer Frau, die mehr will als die Gesellschaft ihr erlaubt, die sich zunächst anpasst, aber dann ausbricht und zu sich selbst findet. Claudia Doliwa – begleitet von Peter Missler (Saxofon, Flöte) und Ulrich Jokiel (Klavier) – erwies sich bei Titeln wie „The way he makes me feel“ und „Papa, can you hear me?“ zwischen zärtlichem Flüstern, sinnlicher Hingabe und expressiver Leidenschaft als einfühlsam interpretierende Sängerin, die den jeweiligen Emotionen mit unglaublicher Dynamik und facettenreichen Ausdrucksnuancen freien Lauf zu lassen wusste. Da liefen den am Ende begeistert applaudierenden Zuhörern nicht nur bei „A piece of sky“ ganze Kaskaden von Eisschauern den Rücken hinunter. Fantastisch.

Von Rolf-Dieter Diehl