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Celle Stadt Ungewöhnliche Klänge im Celler "Gajah"
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Ungewöhnliche Klänge im Celler "Gajah"
22:21 15.03.2015
Chuzpenics Quelle: Alex Sorokin
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Die Chuzpenics sind schon eine ungewöhnliche Klesmer-Truppe. Davon konnten sich die Besucher des Konzertes im „Gajah“ in der Schuhstraße überzeugen. Dieses Quartett spielt in der ungewöhnlichen Besetzung Sänger (Martin W. Luth), Oboistin (Christine von Bülow), Geigerin (Jule Schwarz) und Akkordeonspieler (Martin Quetsche). Das Standardinstrument des Klesmer, die Klarinette, fehlt. Und das ist auch gut so. Denn gerade diese wird in vielen Formationen nicht so gespielt, dass es Spaß macht, ihr zuzuhören.

Das oft manieristische Anspielen der Töne von unten oder auch manchmal von oben wird dem Hörer bei den Chuzpenics erspart, denn „Ersatzklarinettistin“ Bülow an der Oboe spielt wesentlich sauberer als ihre klangjammerigen Kollegen anderer Formationen. Das alleine ist schon ein Gewinn.

Dazu kommt, dass Bülow über eine spezielle Gabe verfügt. Sie erzählt zwischen den Stücken kleine Geschichten, die deren Inhalt wunderbare Weise vermitteln. Das macht sie so geschickt, dass man immer wieder glauben könnte, ihr Erzählen sei einfach nur die Verbindung von einem Stück zum anderen, bis man dann merkt, dass sie eine Inhaltsangabe wiedergegeben hat. Und dann geht schon das nächste Stück los. Mal in kompletter Besetzung, mal zu dritt oder zu zweit, meist mit Gesang.

Mit „feinsinniger Dreistigkeit“ in ihrem Spiel wirbt das Ensemble in ihrem Flyer. Und in der Tat: Diese Beschreibung passt. Die Feinsinnigkeit besteht bei dieser Formation vor allem darin, dass es den vier Vollblutmusikern fast in jedem Stück gelingt, die Doppelbödigkeit des jüdischen Musizierens in Klang umzusetzen. Da klingt eben selbst das traurigste osteuropäische Klagelied noch hoffnungsvoll und ein scheinbar fröhlich drauflosmusizierter Tanz hat seine Brüche. Ungebrochene Heiterkeit gibt es da genauso wenig wie musikalische Depression. Und doch hat das Spiel immer auch ein klein wenig etwas von Dreistigkeit.

Man spielt immer wieder auch Stücke, die in ihrer technischen Umsetzung nur bedingt gelingen. Sich trotzdem zu trauen, das hat dann doch eine gewisse künstlerische Dreistigkeit, die aber nicht einmal stört. Vielleicht, weil bei den Chuzpenics vier Musiker auf der Bühne stehen, denen man anmerkt, dass sie für diese Musik glühen? Vielleicht weil dieses Ensemble aus vier Originalen besteht, wie man sie nur noch selten in unserer glattpolierten Medienwelt findet? Wie auch immer: Sehr hörenswert war das.

Von Peter Bierschwale