Menü
Cellesche Zeitung | Ihre Zeitung aus Celle
Celle Stadt Unkritisches Buch über die Celler NS-Zeit
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Unkritisches Buch über die Celler NS-Zeit
15:53 05.01.2017
Von Andreas Babel
„Vor und nach 1945. Erlebnisse undBegegnungen in und um Celle“ von Wolf-Dieter Tempel; SchadinskyVerlag, 144 Seiten, 9,80 Euro; ISBN: 978-3-9812133-9-3
Celle Stadt

Er schreibt nieder, was er selbst erlebt oder aus erster Hand von ihm Nahestehenden gehört hat. Dabei „vergisst“ der ehemalige Bezirksarchäologe aber, die Episoden in den historischen Zusammenhang einzuordnen. Kein Autor, der ernst genommen werden will, darf über die Bombardierung der Celler Bahnhofsgegend schreiben, ohne das anschließende Massaker durch Celler an den aus einem getroffenen Zug geflohenen KZ-Häftlingen zu erwähnen. Tempel verschweigt das.

Auf der anderen Seite erwähnt er mehrfach in seinem Buch, dass die Alliierten, die bei ihm meist „Besatzer“ genannt werden, die Wälder im Landkreis Celle abholzen ließen. Diese „Ausgleichs-Aktion“ der Siegermächte scheint ihn zu bewegen, die schrecklichen Taten der SS werden hingegen nur beiläufig erwähnt.

Tempel lobpreist in seiner Einleitung die deutschen Soldaten, von denen die meisten „mit einer Ausdauer und Tapferkeit“ kämpften, „wie es das in Europa zuvor noch nicht gegeben hatte“. Und im nächsten Satz heißt es: „Die Leistungen, die Deutschland in der Kriegszeit an Erfindungen und technischen wie auf wissenschaftlichen Gebieten vollbrachte, waren unermesslich.“ Für Tempel waren „nur“ ein Drittel der Erwachsenen Mitglied der NSDAP geworden – man könnte auch sagen, dass es Millionen Deutsche waren und es wären noch mehr geworden, wenn es keinen Aufnahmestopp gegeben hätte.

Erst nach dem Kriege seien die Gräueltaten des NS-Regimes bekannt geworden. Sie seien „in der ausländischen Presse noch gewaltig übertrieben“ worden. Wie kann man so etwas schreiben, wo doch heute bekannt ist, dass KZ-Häftlinge nur wegen ihrer Tätowierungen sterben musste, weil die Frau eines Lagerkommandanten mit ihrer Haut Lampenschirme und Fotoalben beziehen lassen wollte, wo 20 Kinder am Bullenhuser Damm in Hamburg erhängt wurden, weil SS-Schergen vertuschen sollten, dass diese Kinder für Menschen-Versuche missbraucht worden sind? Und wo Millionen missliebige Menschen von Deutschen ermordet wurden?

Stattdessen bringt Tempel eine amüsante Episode nach der anderen, verheimlicht dabei nicht, welche Funktion einige der von ihm Vorgestellten während der NS-Zeit hatten. Auch die Rolle der CZ wird kritisch gewürdigt, aber nicht kritisch genug. Das ist alles bunt zusammengewürfelt, manches davon sicher nett zu lesen und auch interessant, wie die Entstehungsgeschichte des bekannten Cafés Wellhausen oder das Leben an der Bernstorffstraße, aber über allem weht der Ungeist der schrecklichen NS-Zeit, von der sich Tempel viel zu wenig distanziert. So unkommentiert gehört das Buch nicht in die Hände junger Menschen.