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Celle Stadt Unterhaltsam in den Abgrund
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Unterhaltsam in den Abgrund
21:37 30.10.2016
Zwei Paare, die mehr Schein als Sein vermitteln: (von links) Katrin Steinke Quintana als „Jory“, Verena Saake als „Emily“, Thomas Wenzel als „Isaac“ und Felix Meyer als „Amir“. Quelle: Alex Sorokin
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Das erste Paar: Der erfolgreiche Rechtsanwalt Amir ist Muslim, hat seinen Namen geändert, damit das niemand merkt. Seine Frau Emily ist Malerin. Sie hat gerade die muslimische Kunst für sich entdeckt hat.

Das zweite Paar: Isaac, ein jüdischer Amerikaner, ist Galerist und Ausstellungsmacher. Jory, seine Frau afroamerikanischer Herkunft, ist, wie Amir, in der gleichen, von einem Juden geführten Kanzlei als Rechtsanwältin angestellt.

Die Einzelfigur: Hussein, ein Neffe des ersten Paars, der Muslim ist, dies zunächst verleugnet und dann wieder zu seinem Glauben zurückkehrt und dabei ist, sich zu radikalisieren.

Die beiden Paare definieren sich vor allem über Geld und über den Schein. Man ist wer, wenn man erfolgreich ist, wie das erste Paar. Oder wenn man pseudoklug daherreden kann. Man trifft sich und weiß eigentlich nicht, warum, außer weil man sich halt mal wieder treffen sollte. Und auf einmal rutscht man in eine Diskussion, in dessen Verlauf eines ganz klar wird: Die einzige Figur, die zu sich steht, das ist Emily.

Alle anderen haben ein Identitätsproblem. Die spielen sich und den anderen etwas vor. Nur in einem sind sich alle gleich: Sie sind alle Egoisten.

Als die Identitätsprobleme aufbrechen und die Karriere Amirs ins Rutschen gerät, wird schnell klar: Jetzt folgt eine Abwärtsspirale. Ab diesem Zeitpunkt stellt sich für den Zuschauer nur noch die Frage, wie tief Amir letztlich sinken wird. Der Verlauf des Stückes ist absehbar. Eine geschickte oder zumindest wirkungsstarke Dramaturgie ist nicht erkennbar.

Und das ist das Problem des Abends, denn Regisseurin Nina Pichler hat der Vorhersehbarkeit des Stückes zu wenig Eigenes entgegengesetzt und inszeniert brav am Text entlang, statt diesen auf einen Punkt zu bringen. Da werden zig Identitätsprobleme im Boulevardton behandelt, ohne dass in die Tiefe gegangen wird. Und dann gibt es mit dem zunächst seinem Glauben abschwörenden, dann sich radikalisierenden Neffen noch eine Figur, die überflüssig scheint. Dieser Text hat zwar lockere und gut übersetzte Dialoge, aber mehr nicht. Seine Qualität liegt darin, dass er religiöse Identitätsfragen verständlich auf die Bühne bringt.

Trotzdem wird es zu einem Abend der Schauspieler. Pichler schafft es zumindest zeitweise, den Figuren Glaubwürdigkeit abzuringen. Verena Saake als Emily macht das am besten, aber auch Felix Meyer findet Töne der Wahrhaftigkeit. Katrin Steinke-Quintana erweist sich als verblüffend wandlungsfähig. Thomas Wenzel, von Regie und Ausstattung zur Karikatur gemacht, kann mehr. Marius Lamprecht als Neffe Abe nimmt man die Entwicklung zum radikalen Muslim kaum ab, was aber weniger an ihm als an der Inszenierung liegt.

Alles in allem: Dank der guten Celler Schauspieler ein erlebenswerter Abend, der sicher manche Diskussion auslösen wird.

Von Reinald Hanke