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Celle Stadt Urteil mit Signalwirkung: 84-Jähriger gewinnt Prozess gegen DAK
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Urteil mit Signalwirkung: 84-Jähriger gewinnt Prozess gegen DAK
21:42 22.08.2017
Von Audrey-Lynn Struck
Quelle: Audrey-Lynn Struck
Celle Stadt

Tränen sammeln sich in den Augen von Walter Bruckner, der sich mit einem Lächeln der Erlösung zu seinem behandelnden Arzt und Freund Dr. Manfred-Peter Müller-Kortkamp umdreht. Kurz zuvor hatte der Vorsitzende Richter Michael Phieler verkündet: „Die DAK wird an den Kläger weitere 15.898,60 Euro zahlen.“ Für dieses Urteil hatte der 84-Jährige fünf Jahre lang unerbittlich gekämpft. Gestern bekam er schließlich vom Landessozialgericht Celle Recht. Phieler schloss die Verhandlung mit einer Entschuldigung: „Lieber Herr Bruckner, es tut mir persönlich leid, dass diese Entscheidung erst so spät gefallen ist.“ Für den 84-Jährigen ging damit eine Odyssee zu Ende.

Vor sieben Jahren fängt alles recht harmlos mit einer Verfärbung des rechten Mittelfußes an. Doch als sich der braune Fleck immer weiter ausbreitet und Bruckner unter zunehmenden Schmerzen leidet, muss gehandelt werden. Der damals 78-Jährige geht zu verschiedenen Ärzten, lässt sich unter anderem im AKH Celle das entzündete Gewebe entfernen. Insgesamt wird er innerhalb von drei Monaten fünfmal operiert. Ohne Erfolg. Stattdessen kommt es zu einer Vergrößerung der Entzündungs- und Wundfläche. Bei der offenen Fußwunde liegen Sehnen frei und aus medizinischer Sicht wird von einer erneuten Operation abgeraten.

Der Wienhäuser kann vor Schmerzen kaum noch gehen und ist desillusioniert. Auch die Chirurgen vom AKH wissen nicht mehr weiter. Deshalb ziehen sie die Celler Dermatologin Dr. Constanze Kleckow-Altmann zurate, die schließlich die Ursache für die Entzündung findet. Bruckner leidet unter der seltenen Autoimmunerkrankung „Pyoderma gangraenosum“, bei der sich das körpereigene Immunsystem gegen Zellen des eigenen Körpers richtet und es dadurch zu einer wachsenden Entzündung kommt. Bruckner bekommt Cortison-Präparate und die Wundheilung tritt ein.

Die Erleichterung ist jedoch nur von kurzer Dauer. Bereits knappe zwei Wochen später schlagen die Medikamente plötzlich nicht mehr an und die Entzündung am Fuß verschlimmert sich. Bruckner lehnt eine weitere Operation ab. Zu groß ist das Risiko, dass der Schnitt nicht heilt und es zusätzlich zu einer Ausbreitung der Wunde kommt. Durch Internetrecherche stößt er auf eine letzte Therapie-Möglichkeit. In Soltau gibt es eine Sauerstoff-Druckkammer, bei der man unter Überdruck reinen Sauerstoff einatmet. Die erhöhte Sauerstoffzufuhr fördert eine schnelle und effektive Wundheilung.

Bruckner greift nach dem letzten Strohhalm und fährt zu der Praxis von Dr. Manfred-Peter Müller-Kortkamp. „In diesem Alter ist diese Form der Entzündung fast immer tödlich. Wäre Walter nicht in die Druckkammer gekommen, würde er hier wahrscheinlich gar nicht mehr stehen“, sagte Dr. Müller-Kortkamp gestern. Schon nach wenigen Sitzungen tritt das langersehnte Wunder ein. Die Therapie schlägt an, die Wunde schließt sich vollständig und im Jahr 2014 ist Bruckner endlich geheilt.

Doch die gesetzliche Krankenkasse DAK weigert sich, Bruckners Behandlungskosten von fast 23.000 Euro zu übernehmen. Die Therapie wurde begonnen, obwohl eine Bestätigung der Kostenübernahme seitens der DAK noch nicht vorgelegen habe. Zudem ist die Behandlung nicht im Leistungskatalog enthalten. Der Fall geht im März 2014 vor das Sozialgericht Lüneburg. Das Urteil, das die DAK einen Teil der Kosten übernehmen soll, ist für beide Parteien nicht ausreichend. Es wird Berufung eingelegt und der Fall wird an das Landessozialgericht Celle verwiesen.

Im Prozess wird aus den Gutachten zweier befragter Ärzte zitiert, dass die Sauerstoff-Behandlung unaufschiebbar war. „Bruckner war von allen behandelnden Ärzten bereits zu Ende therapiert“, so Phieler. Es gab nur noch diese eine Möglichkeit. Das Urteil der vollständigen Übernahme der Behandlungskosten von der DAK wird in beiderseitigem Einverständnis akzeptiert. Auch Dr. Müller-Kortkamp ist mit dem Ergebnis zufrieden. „Dieses Urteil kann eine Signalwirkung für die anderen gesetzlichen Kassen haben“, erklärte der 74-Jährige.

Der Kläger selbst kann es kaum fassen. Bis zuletzt hatte er auf ein Urteil zu seinen Gunsten gehofft. „Ich bin einfach nur so unbeschreiblich glücklich“, sagt der 84-Jährige. Seine größte Freude ist, dass durch seinen Fall auch andere auf die neue Heilungsmethode aufmerksam werden. „Damit werden sie so wie ich vor einer drohenden Amputation gerettet.“