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Celle Stadt Utopie in Amerika: Deutsche wollten dort eigene Republik aufbauen
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Utopie in Amerika: Deutsche wollten dort eigene Republik aufbauen
17:09 12.12.2013
Von Andreas Babel
Hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein: Die Architektur des Dorfes Hermann erinnert an das Erscheinungsbild von Dörfern im Hessischen Mitte des 19. Jahrhunderts.
Celle Stadt

Die „Reisende Sommer-Republik“ und das Stadtarchiv Gießen haben sich eines hoch interessanten Themas angenommen, das derzeit in der Universitätsstadt in einer Wanderausstellung zu sehen ist und jederzeit in einem wunderbaren Begleitband mit großformatigen Fotos und vielen aufbereiteten Dokumenten vertieft werden kann.

Die „Reisende Sommer-Republik“ ist ein freier Zusammenschluss von Künstlern und Wissenschaftlern. Aus der Feder der Mitglieder dieser Gruppe stammen die Beiträge des Buches. Sie drehen sich um die Utopie, jenseits des Großen Teiches eine deutsche Republik zu errichten, während in dem Land ihrer Abstammung die Unfreiheit regierte. Es waren nicht Umweltkatastrophen, Dürre, Hunger und Elend, welche die Mitglieder der Gießener Auswanderergesellschaft antrieben, Deutschland zu verlassen. Es war vielmehr der gemeinsame Wunsch, eine Staatsform auf die Beine zu stellen, in der sie gleichberechtigt und in Freiheit zusammen leben konnten.

Unter der Führung des Juristen Paul Follenius und des Pfarrers Friedrich Münch brachen im Jahr 1834 rund 500 Menschen, meist aus dem Hessischen, auf zwei Segelschiffen, der „Medora“ und der „Olbers“, auf, um in Missouri eine neue Heimat zu finden. Die Gruppe campierte zunächst aber wochenlang auf der Weserinsel „Harriersand“, ehe die Passage begonnen werden konnte.

Als mögliches Siedlungsgebiet betrachteten die Auswanderer nur „Territorien“, also Landstriche, die zwar politisch den Vereinigten Staaten unterstanden, die aber dünn besiedelt waren. In Zeitungen warben die führenden Köpfe für ihre Idee und suchten Mitstreiter. Die Pläne, ein eigenes Siedlungsgebiet mit 60.000 Deutschen zu füllen, zerschlugen sich bald nach der Ankunft. Sehr rasch merkten die Neuankömmlinge, wie ihr in Deutschland noch großer Zusammenhalt in den Staaten bröckelte. Viele schlugen sich auf eigene Faust durch.

Die Auswanderer sahen sich auch mit der Situation konfrontiert, dass am Missouri der Sklavenhandel noch blühte. Auch wenn die meisten es ablehnten, Sklaven „zu halten“, kamen sie nicht umhin, sich selbst welche „zuzulegen“, um die schwere und meist für Akademiker ungewohnte Arbeit im Haus und auf dem Feld zu bewältigen.

Manche der Neu-Amerikaner wurden als Politiker aktiv, setzten sich in den bestehenden Gremien wie dem Senat für eine Abschaffung des Sklaventums ein. Die Deutschen trafen aber auf noch ganz andere Widerstände. Sie waren es gewohnt, die arbeitsfreien Sonntage auch mit vergnüglichen Dingen wie gemeinsamem Singen, Kegeln oder Kartenspielen in der Öffentlichkeit zu verbringen. Die konservativen amerikanischen Gesetze verboten aber Aktivitäten wie Trinken und Musik an diesem „Tag Gottes“. Kurzerhand umgingen die Deutschen dieses Verbot, indem sie ihre Kapellen auf Dampfschiffen spielen ließen, die auf dem Missouri-River fuhren. Dort galt dieses Gesetz nämlich nicht.

Es gibt heute noch Vereinshallen, Musikpavillons und die Weinberge, die von den deutschen Einwanderern angelegt worden sind. Festtage sind noch immer im Terminkalender vieler Gemeinden in Missouri fest verankert: Überall finden „Oktoberfests“, „Maifests“ oder „Christkindlmarkts“ statt. 1860 waren von 1,18 Millionen Bewohnern von Missouri immerhin 88.487 in diesem Bundesstaat geborene Deutsch-Amerikaner.

Die Betrachtungen beziehen die Auswanderungen im frühen 19. Jahrhundert wie auch in der Zeit nach 1848/49 mit ein. So wanderten mehr als eine Million Deutsche in den Jahren 1846 bis 1857 in die USA aus, alleine im Jahr 1854 waren es 200.000 Menschen. Nach dieser Welle gab es noch zwei weitere politisch motivierte im 19. Jahrhundert, nämlich von 1864 bis 1873 und von 1880 bis 1893.

Noch heute finden sich in den Vereinsstrukturen von Missouri und in mancherlei anderen Erscheinungen Hinweise auf die deutschen Wurzeln. So schildert Walter D. Kamphoefener, wie er noch 1980 in Dutzow einen Nachkommen hessischer Vorfahren aufsuchte, der wie seine Familie Hochdeutsch sprach und Schwierigkeiten hatte, das Osnabrücker oder Oldenburger Plattdeutsch, das einige seiner Kunden verwendeten, zu verstehen. Manches hält sich eben über Generationen, auch in der Fremde.

Buch: Alles Wissenswerte über die deutsche Aussiedlung in die Vereinigten Staaten ist nachzulesen in dem sehr guten zweisprachigen (Deutsch und Englisch)Begleitband „Aufbruch in die Utopie“, herausgegeben von „Reisende Sommer-Republik“ und vom Stadtarchiv Gießen, Edition Falkenberg, 352 Seiten, 19,90 Euro, ISBN 978-3-95494-595-5. Verschiedene Autoren beleuchten vor allem die Geschichte der deutschen Auswanderung Mitte des 19. Jahrhunderts. Zahlreiche Fotos und Dokumente illustrieren das Thema.

Ausstellungen: Bis zum 29. Dezember läuft die Ausstellung in Gießen, KiZ (Kultur im Zentrum), Südanlage 3a (Kongresshalle). Die Öffnungszeiten der über zwei Etagen der ehemaligen Stadtbibliothek aufgebauten Ausstellung sind dienstags bis sonntags, 10 bis 18 Uhr, donnerstags von 10 bis 20 Uhr. Der Eintritt zu der Ausstellung ist frei. Vom 4. April bis 13. Juli 2014 ist sie in Bremen in der Kulturkirche St. Stephani zu sehen. Im Herbst 2014 kann sie in Washington D. C. und vom 22. November 2014 bis 29. März 2015 in St. Louis, Missouri, in zwei Museen betrachtet werden.

www.aufbruch-in-die-utopie.net